Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas-Andreas Põder, Studiensekretär der GEKE
In diesem Jahr jährt sich der Beginn deiner unmittelbaren Tätigkeit im Kontext der GEKE zum 20. Mal. Wie hat diese Verbindung begonnen?
Meine unmittelbare Tätigkeit im Kontext der GEKE begann 2006. Im Auftrag meiner Heimatkirche, der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, verfasste ich damals eine ausführliche Stellungnahme zum GEKE-Studientext „Gestalt und Gestaltung protestantischer Kirchen in einem sich verändernden Europa“. Im selben Jahr nahm ich als Delegierter an der 6. Vollversammlung der GEKE in Budapest teil.
Dort begann meine über zwei Amtszeiten währende Arbeit als Mitglied des Rates der GEKE, die bis 2018 dauerte; anschließend war ich als stellvertretendes Mitglied weiterhin mit der Arbeit des Rates verbunden. Als im Sommer 2020 die Stelle europaweit ausgeschrieben wurde, entschied ich mich zur Bewerbung und wurde Nachfolger von Prof. Dr. Martin Friedrich in der Wiener Geschäftsstelle der GEKE. Damit endete zugleich meine Tätigkeit im Rat.
Du bist seit 2022 Studiensekretär der GEKE. Was umfasst deine Aufgabe – und was begeistert dich daran besonders?
Als Studiensekretär der GEKE, genauer: als ihr Sekretär für Theologie und ökumenischen Dialog, koordiniere ich die gemeinsame theologische Arbeit und die ökumenischen Dialoge, trage zur Kontinuität und Weiterentwicklung des theologischen Selbstverständnisses der GEKE bei, vertrete dieses gegenüber Mitgliedskirchen und ökumenischen Partnern und unterstütze die Leitungsgremien theologisch.
Besonders begeistert mich, dass die GEKE mehr ist als eine bloße Kooperationsplattform: Sie ist eine konkrete Gestalt gemeinsamen evangelischen Kircheseins in Europa. Hier zeigt sich, dass unterschiedliche konfessionelle Traditionen nicht kirchentrennend bleiben müssen, sondern im gemeinsamen Verständnis des Evangeliums zu verbindlich gelebter Kirchengemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit zusammenfinden können.
Die GEKE ist vor allem für ihre theologische Arbeit bekannt. Warum sind gemeinsame Studienprozesse für die protestantischen Kirchen Europas heute so wichtig?
Gemeinsame Studienprozesse sind für die protestantischen Kirchen Europas heute so wichtig, weil Kirchengemeinschaft gemeinsames theologisches Arbeiten nicht ersetzt, sondern voraussetzt und vertieft. Es geht dabei nicht einfach um die Produktion von Texten oder um Minimalkonsense, sondern um die Pflege, Klärung, Vertiefung und Weiterführung des gemeinsamen Verständnisses des Evangeliums. Gerade dadurch dienen solche Prozesse dem gemeinsamen Zeugnis und Dienst der Kirchen.
Zugleich helfen sie, dass unterschiedliche konfessionelle Traditionen nicht aufgehoben werden, aber auch nicht kirchentrennend bleiben müssen, sondern im gemeinsamen Lehren und Lernen auf verbindlich gelebte Kirchengemeinschaft hin zusammengeführt werden.
Die Lehrgespräche gehören zum Kern der theologischen Arbeit der GEKE. Was zeichnet sie aus?
Zum Kern der theologischen Arbeit der GEKE gehören ihre Lehrgespräche. Es sind komplexe und langdauernde Prozesse, an denen die Mitgliedskirchen besonders intensiv beteiligt sind. Ihre Ergebnisse werden mit höchster Autorität von den Vollversammlungen beschlossen, von der GEKE gleichsam „zu eigen gemacht“ und den Mitgliedskirchen zur Rezeption empfohlen. Sie bilden damit auch eine wichtige Grundlage für künftige Lehrgespräche und ökumenische Dialoge der GEKE. Seit 1973 sind sieben solche Lehrgespräche geführt worden; ihr Gesamtumfang ist mit rund 230 Seiten durchaus überschaubar.
Zugleich erschöpft sich die gemeinsame theologische Arbeit der GEKE darin nicht, sondern hat weit darüber hinaus viele weitere wichtige und spannende Früchte getragen.
Einer der großen Studienprozesse der vergangenen Jahre war „Christliches Reden von Gott“. Welche Erkenntnisse nimmst du persönlich aus diesem Prozess mit?
Ein solches Beispiel für eine andere Form gemeinsamer theologischer Arbeit war der Studienprozess „Christliches Reden von Gott“, in den ich ungefähr zur Hälfte als Studiensekretär eingestiegen bin und den ich dann in dieser Rolle weiter begleitet habe.
Persönlich nehme ich aus diesem Studienprozess vor allem mit, dass es für die GEKE ein starkes Zeichen ist, gemeinsam nicht nur über Kirche oder über klassische Streitfragen nachzudenken, sondern über Gott selbst. Christliches Reden von Gott gehört ins Zentrum gemeinsamer theologischer Arbeit, weil das gemeinsame Verständnis des Evangeliums auf Gott als Quelle, Schlüssel und Orientierungspunkt bezogen ist. Für die GEKE ist dieses Reden dabei weder bloße Wiederholung vertrauter Frömmigkeitssprache noch abstrakte Lehre. Es kann verständlich, anregend und ermutigend sein – zugleich kritisch und selbstkritisch – und Menschen in ihren konkreten Lebenszusammenhängen erreichen. Die Studie zeigt, wie das Reden von Gott Menschen trösten, befreien, versöhnen und dazu ermutigen kann, im Horizont von Gerechtigkeit, Frieden und Hoffnung zu leben.
Bemerkenswert finde ich auch, dass die 9. Vollversammlung in Hermannstadt/Sibiu 2024 das Dokument ausdrücklich angenommen und als einen wegweisenden Beitrag zur Verständigung über das gegenwärtige Reden von Gott in der GEKE bezeichnet hat. Sie hat den Mitgliedskirchen zugleich empfohlen, das Dokument mit seinen Ausführungen zu den Bedingungen, Kontexten, Herausforderungen und Weisen der christlichen Rede von Gott zu studieren und in ihrer eigenen Arbeit zu berücksichtigen. Veröffentlicht wurde es 2025 als Band 17 der Leuenberger Texte.
Welche theologischen Themen werden die Arbeit der GEKE in den kommenden Jahren besonders prägen?
Die theologischen Schwerpunkte im gemeinsamen Leben unserer Kirchengemeinschaft bis zur nächsten Vollversammlung 2031 sind durch die letzte Vollversammlung in Hermannstadt/Sibiu festgelegt worden. Gegenwärtig arbeitet die GEKE an mehreren Themen, die in unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen, Fachbeiräten und Prozessen vorbereitet und begleitet werden. Mein eigener Fokus liegt dabei vor allem auf dem Lehrgespräch „Lehrverschiedenheit in der Kirchengemeinschaft“. Dabei geht es darum, die bleibenden Lehrverschiedenheiten in der GEKE weder zu verharmlosen noch sie wieder als kirchentrennend zu behandeln, sondern sie im Licht des gemeinsamen Verständnisses des Evangeliums theologisch zu klären und für das gemeinsame Kirchesein fruchtbar zu machen.
Inhaltlich geht es also nicht nur darum, Lehrunterschiede zu beschreiben. Gefragt wird vielmehr, wie solche Verschiedenheiten innerhalb der Kirchengemeinschaft zu verstehen sind, wo sie zum gemeinsamen Lernen, zur wechselseitigen Korrektur und zu einem differenzierten Zeugnis beitragen können und wo sie zur Belastung werden. Damit verbindet sich die Frage, welche Konsequenzen daraus für das Selbstverständnis der GEKE, für ihre ökumenische Rolle und für ihr gemeinsames öffentliches Zeugnis folgen.
Generell liegen die theologischen Themen der kommenden Jahre dort, wo sich Fragen der Kirchengemeinschaft, des kirchlichen Wandels und des öffentlichen Zeugnisses berühren. Neben dem Lehrgespräch über „Lehrverschiedenheit in der Kirchengemeinschaft“ geht es um die Weiterarbeit an der Rezeption früherer Lehrgesprächsergebnisse, besonders im Blick auf „Amt, Ordination und Episkopé“ und dessen Relevanz für gegenwärtige kirchliche Herausforderungen, um eine Theologie des Wandels angesichts kirchlicher Erneuerungsprozesse, um die Ethik und Praxis von Einvernehmen und Uneinigkeit, um Frieden und Krieg, um die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation sowie um Themen wie Menschsein und Migration. Insgesamt arbeitet die GEKE theologisch daran, wie Kirchengemeinschaft heute verbindlich gelebt, weiter vertieft und unter den Bedingungen gesellschaftlichen Wandels glaubwürdig bezeugt werden kann.
Du begleitest die GEKE auch in ökumenischen Dialogen. Welche Dialoge zeigen Fortschritte, welche stocken?
Mit den Worten „Fortschritt“ und „Stocken“ ist in diesem Zusammenhang tatsächlich Vorsicht geboten, auch wenn man oberflächlich vielleicht so sprechen kann. Die ökumenische Arbeit der GEKE ist weit gefächert. An zwei offiziellen Dialogen, die derzeit besonders aktuell sind und mit denen ich selbst befasst bin, lässt sich das gut zeigen: am Dialog mit der Europäischen Baptistischen Föderation und am Dialog mit der römisch-katholischen Kirche.
Bereits in den frühen 2000er Jahren fanden Dialoggespräche zwischen der GEKE und der EBF statt; seit 2010 besteht darüber hinaus mit dem „Agreement for EBF and CPCE to Become Mutually Cooperating Bodies“ eine offizielle Grundlage der Zusammenarbeit. 2024 beschlossen die Vollversammlung der GEKE und der Rat der EBF, den offiziellen Dialog wieder aufzunehmen. Sein Ziel ist es, auf theologischer Grundlage Wege zu einer vertieften Gemeinschaft zu eröffnen und zu klären, wie für einzelne Mitgliedsbünde der EBF Schritte in Richtung Kirchengemeinschaft mit der GEKE möglich werden können. Die erste intensive Arbeitssitzung der gemeinsamen Dialogkommission fand im Frühjahr 2026 in Elstal statt. Im Mittelpunkt standen dabei vor allem die Tauffrage, die Suche nach einem tragfähigen theologischen Rahmen für unterschiedliche Taufverständnisse und Taufpraktiken, die unterschiedlichen kirchlichen Strukturen von GEKE und EBF sowie die Frage, welche Form eines gemeinsamen, kirchlich brauchbaren Textes dem Dialog entsprechen könnte. Der Prozess steht noch am Anfang; zugleich war die erste Begegnung theologisch anregend, klärend und im Blick auf die weitere Arbeit ermutigend.
Mit der römisch-katholischen Kirche, genauer mit dem damaligen Päpstlichen Rat bzw. heutigen Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen, gab es in der vorletzten Arbeitsperiode der GEKE zunächst eine mehrjährige vorbereitende Konsultationsreihe. Deren Abschlussbericht wurde auch von der 8. Vollversammlung der GEKE 2018 in Basel begrüßt; dort, in Anwesenheit von Kardinal Koch, wurde beidseitig die Absicht bekundet, in einen offiziellen Lehrdialog einzutreten. Pandemiebedingt und aus weiteren praktischen Gründen konnten die eigentlichen Dialogtreffen dann erst im Frühjahr 2022 beginnen. Bei der gemeinsamen Zwischenbewertung der mandatierenden Seiten im Dezember 2025 in Rom zeigte sich, dass dieser Dialog keineswegs fruchtlos war: Er hat geholfen, wichtige theologische Affirmationen klarer gemeinsam zu artikulieren, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen und die eigentlichen Streitfragen präziser zu benennen.
Zugleich hielt die gemeinsame Bewertung drei Themenbereiche fest, in denen im bisherigen Dialogformat kein weiterer Fortschritt in Sicht war: erstens ein unterschiedliches Verständnis des Prozesses selbst, also die Frage, ob es sich um ein bilaterales Format zwischen zwei Kirchengemeinschaften handelt oder – angesichts der unterschiedlichen Bekenntnistraditionen innerhalb der GEKE – eher um ein multilaterales; zweitens die Frage, mit welcher Autorität beide Seiten jeweils für ihre Kirche bzw. Kirchengemeinschaft sprechen und welche Referenztexte und Kriterien gemeinsamer Lehre dabei maßgeblich sind; drittens unterschiedliche Modelle von Kircheneinheit und Kirchengemeinschaft einschließlich Fragen der Sichtbarkeit der Kirche und des Amtes. Auf der GEKE-Seite schloss sich der Rat auf seiner Sitzung Ende Mai 2026 in Doorn der Orientierung der Mandatsgeber vom 9. Dezember 2025 an, wonach der Dialog in seiner bisherigen Form für eine Zeit des Moratoriums als Phase der Klärung, Reflexion und Vorbereitung einer möglichen Fortsetzung verstanden werden soll. Zugleich konkretisierte der Rat, wie dieses Moratorium auf GEKE-Seite ausgestaltet werden soll: mit fortbestehendem Kontakt zum Dikasterium, der Vorbereitung eines neuen Treffens der Mandatsgeber gegen Ende 2027/Anfang 2028 und dem Auftrag, auf GEKE-Seite konkrete Schritte für eine konstruktive und gut vorbereitete Wiederaufnahme zu prüfen.
Wenn man also vereinfachend sprechen will, würde ich sagen: Im Dialog mit der EBF gibt es derzeit ermutigende Bewegung, während der Dialog mit der römisch-katholischen Kirche in seinem bisherigen Format an einen Punkt gekommen ist, der eine vorläufige Pause notwendig gemacht hat. Prinzipiell sind für die GEKE ökumenische Dialoge jedoch nicht primär daran zu messen, ob sie kurzfristig „Fortschritte“ erzielen oder zu „stocken“ scheinen, sondern daran, ob sie der Wahrheit des Evangeliums und der Einheit der einen Kirche Jesu Christi dienen, indem sie Unterschiede klären, gemeinsame Kirchlichkeit vertiefen und Perspektiven sowie verantwortbare Schritte zu gelebter Kirchengemeinschaft eröffnen.
Zum Abschluss: Welche GEKE-Events/Konferenzen/Vollversammlungen/-Dialoge sind dir in besonderer Erinnerung geblieben?
In besonderer Erinnerung sind mir sicher die Vollversammlungen der GEKE in Budapest, Florenz, Basel und Hermannstadt/Sibiu geblieben. Ebenso der Lehrgesprächsprozess „Kirchengemeinschaft“ mit der Konsultation der Mitgliedskirchen in Elspeet (Niederlande) 2015, der Studienprozess „Christliches Reden von Gott“ mit der Konsultation in Bad Vöslau (Österreich) 2022 sowie – in sehr positiver Weise – die Begegnungen im Dialog mit dem Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen im Frühjahr 2023 in Paris und mit der Europäischen Baptistischen Föderation im Frühjahr 2026 in Elstal (Deutschland).
Noch wichtiger ist mir aber, was sich darin zeigt: dass wir das Leben unserer eigenen Kirche und auch unserer eigenen Ortsgemeinde nicht als etwas für sich Stehendes verstehen, sondern als ein Leben, das wir mit anderen Kirchen gemeinsam und vor Gott leben. Die GEKE ist für mich, wie gesagt, nicht einfach eine Plattform, ein Dach oder ein Netzwerk, sondern eine konkrete Gestalt gemeinsamen evangelischen Kircheseins, in der unterschiedliche konfessionelle Traditionen nicht aufgehoben werden, sondern gerade im gemeinsamen Kirchesein vertieft und vom Evangelium her neu verstanden werden können. Vielleicht ist das das Wichtigste, was mir die GEKE im Lauf der Jahre gezeigt hat: dass evangelische Kirchlichkeit nur dann ihrer eigenen Wahrheit entspricht, wenn sie sich nicht selbst genügt, sondern sich auf verbindlich gelebte Kirchengemeinschaft hin öffnet.

