Workshop der Kasualien-Konsultation. Foto: GEKE.
Die Europäische Konsultation zu Kasualien ist zu ihrem Ende gekommen. Das Amen der Sendungsliturgie wurde gesprochen. Alle 43 Teilnehmenden kehren an ihre Lebens- und Arbeitsorte zurück. In ihrem geistigen Gepäck nehmen sie Unterschiedliches mit. Was nach Württemberg mitgenommen wird, steht in den folgenden Zeilen.
Kasualien sind missionarisch
In der Auswertung von #einfachheiraten zeigt sich, dass die Aktion kein Mittel ist, um neue Mitglieder zu werben – und das gilt erfahrungsgemäß auch für andere Kasualien. Mehrheitlich haben Menschen teilgenommen, die (noch) Kirchenmitglieder sind, sich aber in vielen Fällen nicht als kirchennah empfinden. Insofern sind Kasualien nicht missionarisch. Missionarisch sind sie aber in anderer Hinsicht. Es mag sein, dass niemand aufgrund einer Kasualie in die Kirche eintritt. Aber wir hoffen, dass Menschen sich an ihre Bindung an die Kirche erinnern und ihren Glauben stärken oder erneuern lassen.
Insofern sind Kasualien „churchy“ im besten Sinn: Kasualien machen Kirche sichtbar und fordern uns zu einer klaren und erkennbaren Theologie, zu Ehrlichkeit und Transparenz heraus. Die Kirche stellt sich in den Dienst aller, die zu ihr gehören. Sie wird sichtbar und ist einladend und zeigt im Segen eine Haltung, aus der Handlung wird.
Kasualien sind ausdrucksstark
Glaube kommt aus dem Hören, aber nicht nur. Glaube kommt auch aus dem Artikulieren. Indem Menschen ermutigt werden, auf ihre Weise und mit ihren Worten ihrer Hoffnung, ihrer Sorgen, ihrem Schmerz und Zweifel Ausdruck zu geben, dienen Kasualien dazu, nach Glauben zu fragen und Glauben zur Sprache zu bringen. Glaube kommt aber auch aus dem Tun. Kasualien ermöglichen in besonderer Weise Partizipation und durch die Partizipation auch Reflexion dessen, was geschieht.
Wie müssen Kasualien gestaltet sein, um Teilhabe und Erleben, Reflexion und Begleitung zu ermöglichen?
Kasualien wirken nach innen
Aktionen wie „einfach heiraten“, die in Gemeinschaft vorbereitet und durchgeführt werden, stärken die Kirche nach innen und das brauchen wir, um nach außen wirken zu können. Das geschieht erstens durch die Notwendigkeit zur theologischen Reflexion darüber, was für uns in unserem kirchlichen und liturgischen Handeln leitend ist. Das tun wir auch hier miteinander.
Zweitens geschieht das durch das Erleben von Gottesdienst und Segen bei der gemeinsamen Vorbereitung und Durchführung des Tages. Die Beteiligten vor Ort erlebten sich selbst als gesegnet. Wenn die Beteiligten gleichzeitig Segen weitergeben und Segen empfangen, werden Kasualien zu einem segenreichen Resonanzraum.
Aber: Nicht immer ist das bei Kasualien der Fall. Oft sind Pfarrpersonen überlastete Einzelkämpfer:innen, sie erleben Kasualien als Last in einem ohnehin zu eng getakteten Zeitplan und haben zu wenig Zeit zur vertieften theologischen Reflexion. Wie müssten wir den pfarramtlichen Alltag gestalten, damit die Selbstwirksamkeit von Kasualien spürbar werden kann? Welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?
Kasualien sind sprachfähig
Liturgische Sprache und liturgisches Handeln sind insbesondere bei Kasualien fragil und vulnerabel. Gleichzeitig wollen sie viel, denn Segen ist immer auch ein gebrochener Segen. Er spricht in die Fragilität und Verwundbarkeit von Menschen hinein, deutet die oft gebrochenen Lebensgeschichten im Licht Gottes und führt hinein in eine Gemeinschaft von vielen mit ebenfalls fragilen Geschichten, die sich dennoch und deswegen immer wieder unter den Segen Gottes stellen. Liturgische Sprache will in die Gemeinschaft führen und dennoch individuell und persönlich sein. Sie bringt Fragilität zum Ausdruck und will gleichzeitig stärken. Sie ruft in die Verantwortung, darf dabei aber nicht regulatorisch daherkommen. Dabei agieren Liturg:innen insbesondere bei Kasualien als Zeug:innen eines Glaubens, der vielen, die feiern, fremd geworden ist. Wenn die Liturgie theologia prima ist, müssen Menschen sie verstehen können, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen: Durch Sprache, aber auch in Musik, Atmosphäre, Raum oder Körper. Wir brauchen also eine liturgische Sprache und einen liturgischen Erfahrungsraum, die Menschen für den Moment dieses einen Gottesdienstes in unseren eigenen Glaubensraum einladen.
Welche Sinne sprechen Kasualgottesdienste an und wie eröffnen sie Sinn? Beten wir für oder mit den Menschen? Wie klingen Gebete, die einen offenen Klangraum bereithalten? Brauchen wir für alle verbindliche und wiedererkennbare liturgische Gebetssprache oder persönlich und individuell ausgestaltete Gebete?
Kasualien sind „fragwürdig“
Kasualien wollen Menschen begleiten, nicht nur an Übergängen als rite de passage, sondern in vielen Lebenssituationen. Dafür müssen wir aber wissen, worin Menschen eigentlich begleitet werden wollen. Kasualien müssen fragen und sich fragen lassen. Die Finnische Kirche stellt sich dieser Aufgabe, indem sie Mitglieder und Angestellte nach ihren Wünschen für Kasualgottesdienste befragt. Noch mehr tut sie das, indem sie sich bemüht, mit unterschiedlichen ethnischen Gruppen in ihrer Kirche kontextuelle, inkulturierte Liturgien zu erarbeiten.
Wenn wir Menschen ernsthaft fragen, was sie wollen, lernen wir. Wir werden auch glaubwürdiger. Aber wir müssen uns dafür aus unserer eigenen Komfortzone herausbewegen und uns selbst in Frage stellen lassen. Wir müssen uns anderen Perspektiven stellen und werden angreifbar. Wie kann das in unterschiedlichen Kontexten und Kulturen geschehen?
Kasualien sind Segen – und was ist mit dem Fluch?
Das, was alle Kasualien verbindet, ist der Segen. Diesen Segen spenden wir in, mit und unter dem Kreuz, an dem der Fluch des Todes zum Versprechen der lebendigen Liebe Gottes wird. Wie denken wir Segen und Fluch zusammen? In einer Kirche, die – wie es die Untersuchungen zu sexualisierter Gewalt im kirchlichen Kontext unmissverständlich zeigen – selbst Menschen zum Fluch geworden ist und es immer noch wird, können wir nicht vom Segen sprechen, ohne auch über den Fluch nachzudenken. Kirche wird auf ihre eigene Fehlbarkeit zurückgeworfen und muss sich fragen lassen, was das für ihre Haltung und ihr Handeln bedeutet.
Die Ambiguität von Segen und Fluch müssen darum auch im Kontext von Segensfeiern theologisch und liturgisch reflektiert werden. Wie kann Kirche angesichts ihrer Verfehlungen dennoch Segen weitergeben? Wie klingt dieser Segen, wie wird er spürbar, wie laut, leise, verletzlich und (an-)klagend kann oder muss so ein Segen sein? Wie kann Segen Vergangenes ehrlich benennen, für die Gegenwart stärken und Zukunft eröffnen?
Pfrn. Dr. Hendrike Frey-Anthes (Ev. Landeskirche Württemberg)

