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Bei Gregorio läuft es anders

Kathrin Mette berichtet vom zweiten Tag der Gottesdienstkonsultation in Frankfurt und von einem Gespräch mit Gregorio Plescan über Segen und europäische Unterschiede.

Rev. Gregorio Plescan at the CPCE Worship Consultation in Frankfurt
Rev. Gregorio Plescan. Photo: Kathrin Mette.

Ein persönlicher Bericht vom zweiten Tag der Gottesdienstkonsultation in Frankfurt. Foto: Kathrin Mette.

Links sitzt Annette aus Marburg. Ich kenne sie seit meiner Studienzeit. Sie ist Methodistin. Rechts neben mir sitzt Gregorio aus Italien. Er trägt einen grünen Strickpullover, hat ein freundliches Gesicht und ist Waldenser. Ich selbst bin deutsche Lutheranerin. Normalerweise mache ich mir wenig Gedanken über meine Konfession, aber das ist hier anders. Denn seit Montag bin ich Teil der GEKE-Konferenz, zusammen mit 40 anderen Personen. Wir tagen in Frankfurt am Main und kommen aus verschiedenen evangelischen Kirchen Europas, nicht nur aus Italien und Deutschland, sondern auch aus Ungarn, Frankreich, Norwegen und der Slowakei.

Unser Thema für die vier Tage in Frankfurt lautet: Wie begleiten evangelische Kirchen in Europa Menschen an den Wendepunkten des Lebens – bei Hochzeiten, der Geburt eines Kindes, aber auch in Krankheit und Trauer? Welche Angebote und Rituale gibt es? Wer nimmt sie in Anspruch? Wie sehr richten sich die Kirchen dabei nach den Erwartungen der Menschen? Und was, wenn diese Erwartungen schwer mit dem kirchlichen Verkündigungsauftrag zu vereinbaren sind?

Schon am ersten Abend wird deutlich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen in den Kirchen sind. Es macht eben einen Unterschied, ob man über Taufen, Konfirmationen und Beerdigungen in Dänemark oder Mitteldeutschland spricht. In Dänemark sind rund 70 % der Menschen Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche. Fast jeder Zweite nimmt mindestens einmal im Jahr an einer Kasualie teil – etwa an der Konfirmation der Nichte oder des Enkels oder an der kirchlichen Trauerfeier eines Nachbarn. In Mitteldeutschland gehört dagegen nur noch eine Minderheit der evangelischen Kirche an. Kirchliche Hochzeiten und Taufen sind hier selten, auch weil in manchen Regionen kaum noch junge Menschen leben. Darin liegt allerdings eine Chance: Wenn sich ein Paar doch kirchlich trauen lässt, sitzen plötzlich viele Menschen im Gottesdienst, die noch nie etwas mit Kirche zu tun hatten.

Heute, am zweiten Tag, soll es um den „Segen“ gehen. Als Erstes steht ein Vortrag auf dem Programm: „Segen aus biblischer und systematisch-theologischer Perspektive“. Während der Theologe und Kirchenmusiker Jochen Arnold seine Unterlagen am Rednerpult ordnet, plaudere ich noch etwas mit Gregorio, dem italienischen Waldenser rechts neben mir. Er spricht sehr gut Deutsch. Dafür bin ich dankbar. Ich erfahre, dass er als Pfarrer in drei kleinen methodistischen Gemeinden in und um Alessandria arbeitet. Das ist eine Stadt zwischen Genua und Turin. Sie hat 100.000 Einwohner. Fünfzehn davon gehören zu Gregorios Gemeinde. „Wir sind wenige, aber wir fallen auf“, erzählt er fröhlich. „Das hat damit zu tun, dass wir uns sozialpolitisch engagieren.“ Ich hole uns noch einen Kaffee, dann geht der Vortrag los.

„Was ist Segen und was tun wir, wenn wir segnen?“, fragt Jochen Arnold und schlägt einen weiten Bogen vom Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel bis zum Ende des Lukasevangeliums, in dem Jesus seine Jünger segnet, bevor er sich in den Himmel verabschiedet.
„Segen ist Zuspruch, keine Bitte. Ein Kraftwort in die Zukunft hinein, ein performativer Sprechakt“, sagt Jochen Arnold. „Parola performativa“ notiert Gregorio. „Segen folgt der Logik eines überfließenden Glases“, formuliert Jochen Arnold. Gregorio schreibt: „Logica della sovrabbondanza“ und erzählt mir, dass er in dieser Tiefe noch nie über den Segen nachgedacht hat.

Ich erzähle ihm, dass es in Deutschland seit einigen Jahren Segensaktionen in Fußgängerzonen gibt, bei denen Pfarrpersonen den Passanten eine persönliche Segnung anbieten. Zum Beispiel, indem sie ein Schild hochhalten, auf dem so etwas steht wie: „Ich segne Sie.“ Und tatsächlich gibt es gute Erfahrungen bei diesen Aktionen. Manche Menschen unterbrechen für dieses Angebot ihre Besorgungen. „Macht ihr so etwas auch bei euch?“, frage ich Gregorio. Als er verneint, bohre ich nach: „Aber wäre das nicht eine gute Idee?“ Er winkt ab: „Die Leute würden wahrscheinlich einen Krankenwagen rufen und mich abholen lassen“, sagt er. „Religion ist in Italien privat, nichts für die Fußgängerzone.“ Nun muss ich lachen. Über Gregorios Worte und darüber, wie verschieden wir evangelischen Kirchen doch sind. Zugleich fühle ich mich in diesem Moment beschenkt und gesegnet, weil ich Teil dieser Gemeinschaft bin. Und ja: Das Gefühl hat etwas von einem überfließenden Glas. Wie würde Gregorio sagen? „Logica della sovrabbondanza!“

Pfn. Dr. Kathrin Mette, Evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens
Blog: heute-irgendwo.de

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