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Bei uns geschehen gerade Wunder

Wie Gemeinden in Europa über ihre Bubble hinausdenken

„Bei uns geschehen gerade Wunder – und das möchte ich mit Euch teilen“, sagt Endre Iszlai von der Reformierten Kirchen in Ungarn. Beim World-Café, das in diesem Fall eher ein „Café Europa“ ist, stellt er seine Arbeit vor – und seine Begeisterung steckt an. Endre Iszlai ist – gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls Pfarrerin ist – Pfarrer in Debrecen. Die zweitgrößte Stadt Ungarns wächst schnell, Firmen siedeln sich an, neue Wohngebiete entstehen, viele junge Familien ziehen zu.

Die Gemeinde der Iszlais hat sich deshalb entschieden, an einer Ausschreibung ihrer Kirche teilzunehmen und die Chance zu nutzen, einen kirchlichen Kindergarten zu bauen und zu betreiben. Mit Hilfe von EU-Geldern kam auch noch eine Krippe dazu. Viel Verwaltungsarbeit kommt dadurch auch auf den Pfarrer zu – aber er sagt: Es lohnt sich.  Nicht nur, dass die Kinder im Kindergarten den christlichen Glauben kennenlernen durch Lieder, Gebete und Bibelgeschichten. Auch die Eltern, deren Kinder den Kindergarten besuchen, sind oft auf der Suche nach Sinn, nach Spiritualität. „Und sie suchen danach bei uns in der Kirche“, freut sich Iszlai.

Allerdings: Um die Neuzugezogenen anzusprechen, braucht die Gemeinde Offenheit – und passende Angebote. Neben Gottesdienst für Kinder und Familien setzen die Iszlais auf innovative Ideen – zum Beispiel ein Angebot für Ehepaare rund um den Valentinstag. Die Kinder werden währenddessen betreut. Das allerwichtige aber, so Iszlai, sei es, dass sie ansprechbar sind, nahbar, ein neues Bild von Kirche entstehen lassen. Er und seine Frau sind im Kindergartenalltag präsent, feiern die Feste mit und sitzt auch mit am Lagerfeuer – so bekommen sie mit, was die Familien bewegt.

Und tatsächlich verändert sich so auch seine Gemeinde. „Wir haben mehr Taufen, mehr Trauungen, es kommen mehr Leute zum Gottesdienst“ erzählt Iszlai „Und wir haben so die Möglichkeit, auf unterschiedliche Weise das Evangelium weiterzugeben.“

Die Reise zum nächsten Tisch im Konferenzraum ist weit – sie führt von Ungarn ganz in den Westen Europas, nach Irland. Dort ist Peter A. Thompson Erzdiakon der Diözese Armagh in Nordirland. Seine Kirche, die Church of Ireland, setzt auf sogenannte “Pioneer Ministries“, um Menschen zu erreichen, die sonst keinen Kontakt zur Kirche bekommen würden.

Thompson verweist auf die lange und altehrwürdige Tradition seiner Kirche, um dann von einer langen Reihe überraschender Aufbrüche zu berichten. Zum Beispiel dem von Ross Barett. Der gelernte Koch nennt sein Pionier-Projekt „Cook, Serve, Pray“. Und nichts anderes macht er auch. Er geht in Wohngebiete, die als gefährlich gelten, wo Armut sichtbar ist und Drogen zum Alltag gehören. Dort baut Barrett seine mobile Küche auf und kocht – gutes, nahrhaftes Essen, das er mit jedem teilt, der vorbeikommt. Manchmal fragen Menschen dann, warum er das macht. Und dann erzählt er von seinem Glauben. Irgendwann hat jemand ihn gebeten, mit ihm zu beten. Andere wollen mit ihm in der Bibel lesen. Am Anfang hat die Polizei ihm Schutz angeboten. Inzwischen machen sie Pause, wenn er da ist – weil in der Zeit auch die Gewalt Pause macht.

Erzdiakon Thompson im Konferenzraum in Riga holt kaum Luft, bevor er von den nächsten Ideen berichtet, die in Irland entstanden sind. Etwa der von Valerie Raitt, die an der Westküste Irlands lebt. In ihre Arbeit bezieht sie die großartige Natur dort ein, die hunderttausende von Urlaubern anzieht. Für die öffnet Raitt einen Zugang zur Spiritualität der Keltischen Mönche, die sich einst hier in die Einsamkeit zurückzogen, und erarbeitet ein Pilgerkonzept für die Region.

Alle diese Projekte, erklärt Thompson, sind von der Idee her auf Dauer angelegt – und sollen sich irgendwann auch selbst tragen beziehungsweise von den lokalen Gemeinden finanziell unterstützt werden, wenn die Kirche nach fünf Jahren die Unterstützung einstellt. Doch was genau an all den Orten passieren wird, wo die Pioniere heute unterwegs sind, kann jetzt noch niemand vorhersehen. Sicher ist für Thompson nur eines – dass sie das Richtige tun: „Es gibt eine Welt vor den Kirchentüren, die nach Hoffnung und Sinn sucht. Und wir dürfen nicht warten, bis die Menschen zu uns kommen, sondern müssen rausgehen