„Ich bin froh, dass mein Sohn in der Schule einfach erzählen kann, dass er am Sonntag im Gottesdienst war – und dafür nicht komisch angeschaut wird.“ Maarja Krussmets steht im Pausenraum des Gymnasiums der Kaarli-Schule in Tallinn und spricht so lebhaft, dass ihre Korkenzieherlocken wippen. Sie ist nicht nur Mutter eines Schülers, sondern auch Englischlehrerin an der Schule in kirchlicher Trägerschaft. Und offensichtlich begeistert vom Konzept der Schule.
Nicht nur, dass hier Religion unterrichtet wird, christliche Feste gefeiert und christliche Werte vermittelt werden – auch die pädagogische Ausrichtung ist besonders: Die Schule liegt mitten in der Stadt und macht sich das zunutze. „Mittwochs ist bei uns kein regulärer Unterricht. Alle Klasse gehen raus und besuchen einen anderen Lernort. Die drei Faktoren Umgebung, Erfahrung und Wissen sollen Teil der Bildung sein“, so schildert Meelis Holsting das Konzept. Der Diakon trägt Ohrring und Kollarhemd und unterrichtet Religion am Gymnasium.
Die Schule hat eine lange Geschichte. Schon 1880 existierte eine kirchliche Kindertagesstätte, 1918 wurde das Gymnasium gegründet. Doch unter der russischen Besatzung im zweiten Weltkrieg musste die Einrichtung schließen. Erst nach Ende der Sowjetzeit konnte 1993 der Kindergarten wieder eröffnet werden, 2013 folgte die Grundschule, 2023 wurden die ersten Schülerinnen und Schüler in die gymnasiale Oberstufe aufgenommen.
Englischlehrerin Kruusmets führt durch die Räume der Schule. In einem Flur steht ein Tisch mit Glassteinen. Die Kinder werden ermutigt, ein Gebet zu sprechen, wenn ihnen etwas auf dem Herzen liegt, und einen Stein in die Schale zu legen. Alles ist hell und freundlich eingerichtet – und hochwertig ausgestattet, die Klassenzimmer genauso wie die Werkräume im Untergeschoss. Ja, die Eltern müssen Schulgeld bezahlen, bestätigt Maarja Kruusmets auf Nachfrage. Aber es gebe auch die Möglichkeit, ein Stipendium zu bekommen.
Nicht alle Kinder und Jugendlichen an der Schule kommen aus Familien mit christlichem Hintergrund. „Viele schätzen die Freundlichkeit, die an der Schule herrscht, die Freiheit im Umgang miteinander“, berichtet Diakon Holsting. Iko besucht die Oberstufe am Gymnasium und kann das bestätigen. In seiner Familie spiele Religion eigentlich keine Rolle, er habe sich für die Schule entschieden, weil Freunde von ich auch hier seien. „Ich mag die Gemeinschaft hier. Es ist eine kleine Schule, fast wie eine Familie“, sagt er. Und die Religion? Vieles sei neu für ihn, aber auch interessant. „Ich lerne viel.“
Vom privilegierten Lernort im Zentrum Tallinns geht es weiter zu den Gemeinderäumen der Bethel-Gemeinde. Dort ist aus bescheidenen Anfängen ein Sozialzentrum für benachteiligte Kinder und Jugendliche entstanden. Neben der Tagesstätte, die den Kern der Arbeit bildet, gibt es auch ein Kinderheim, in dem Kinder- und Jugendliche wohnen können, sobald sie bereit sind, jeden Tag in die Schule zu gehen. Und auch erlebnispädagogische Angebote wie Sommerfreizeiten gehören zur Arbeit.
Für Matti Sinisaar, der durch das Zentrum führt, ist der christliche Glaube die zentrale Motivation für all sein Handeln. Immer wieder lässt der Direktor der Einrichtung einen passenden Bibelvers in seine Präsentation einfließen. Bewegt erzählt er von den Anfängen Ende der neunziger Jahre. Freiwillige aus der Kirchengemeinde begannen damit, Straßenkinder mit Essen zu versorgen, die im Tallinner Stadtteil Koplin unter menschunwürdigen Bedingungen hausten. Er berichtet von Marina und ihrem Bruder, die in der Kanalisation lebten. Nur Marina hat es geschafft, sich helfen zu lassen – ihr Bruder nicht. Er lebt heute nicht mehr. Marina hat heute selbst Kinder und dankt auf der Homepage dem Peeteli-Zentrum für die Unterstützung, die ihr Leben verändert hat.
Der Rundgang durch die Räume endet im Gemeinschaftsraum, in dem der große Esstisch steht. Das gemeinsame Essen ist ein zentraler Teil der Gemeinschaft, zu der christlicher Glauben selbstverständlich dazugehört. Vor dem Essen wird in der Bibel gelesen – die Kinder dürfen selbst auswählen, in welcher Sprache. Und an den Wänden hängen Plakate mit dem Vaterunser – unter anderem auf russisch, ukrainisch, estnisch und englisch. „Den Kindern das Vaterunser nahe zu bringen, das ist gerade unser Ziel“, erklärt Sinisaar.
Die langjährige Arbeit im Zentrum hat auch ihn verändert, erzählt er. Durch die estnische Geschichte, durch die Erzählungen der älteren Generation von Gräueln in der russischen Besatzungszeit, sei er mit einem Hass auf Russen aufgewachsen, berichtet der Direktor. Und er sieht es als Gottes Plan, dass die meisten Kinder, denen er seither im Zentrum geholfen hat, ausgerechnet russischsprachig waren. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, zitiert er aus dem Römerbrief.

