8.30 Uhr Frankfurt Flughafen. Marylou Segebade und Beke Osmers blicken auf das Rollfeld und warten auf das Boarding für ihren Flug nach Tallinn. Draußen verschwinden die letzten Spuren des Morgenrots am Himmel. Für die beiden jungen Frauen ist es das Treffen in Tallinn die erste internationale Begegnung, an der sie als Synodale teilnehmen.
Marylou Segebade, 25, ist Vizepräsidentin der Synode der Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg. Sie studiert in Hannover Religionspädagogik und Soziale Arbeit und will Diakonin werden. „Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation“ – das Thema der Tagung trifft für sie ins Schwarze. Eindrücke von der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in anderen europäischen Ländern mitzunehmen, darauf freut sie sich: „Vielleicht gibt es da einen Ansatz, wo ich merke: Oh, das gibt es bei uns nicht, das können wir mitnehmen“. Dafür trotzt sie sogar ihrer Flugangst.
Beke Osmers, 23, ist ausgebildete Bestatterin und Schriftführerin im Präsidium der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers. Auch sie hat, wie Segebade, durch die Kinder- und Jugendarbeit zum Engagement in der Kirche gefunden. Ihren besonderen Beruf hat sie sich schon als Jugendliche ausgesucht: „Es gibt mir viel, Menschen in Krisensituationen zu begleiten“, sagt sie. Die Tagung in Tallinn lässt sie erst einmal auf sich zukommen – und freut sich auch, die Stadt kennenzulernen.
17.15 Uhr Dom zu Tallinn. Der vielstimmige und vielsprachige Abendmahlsgottesdienst zur Eröffnung des Treffens ist gerade zu Ende gegangen, Segebade und Osmers reihen sich in die Aufstellung fürs Gruppenfoto ein. Nur für einen ganz kurzen Spaziergang durch die Altstadt von Tallinn war vor dem Gottesdienst noch Zeit. Die ersten Eindrücke der beiden jungen Synodalinnen? Die Stadt gefällt ihnen – und der Gottesdienst in der liturgischen Tradition der Estnischen Evangelische-Lutherischen Kirche war für sie eindrücklich. Manches daran war für sie aber auch ungewohnt – schon gleich zu Beginn zum Beispiel der feierliche Einzug mit gleich zwei Bischöfen im vollen Ornat mit ihren Bischofsmützen.
Erzbischof Urmas Viilma hatte in seiner Predigt über den Missionsbefehl Jesu in Matthäus 28 eingeräumt, dass die Statistiken zum kirchlichen Leben in Europa durchaus Anlass zur Sorge geben: „Die Glaubenserfahrung der Generation vor uns ist für unsere eigenen Generation nicht zu einer ebenso bedeutungsvollen Geschichte geworden“, so Viilma. „Die „Perspektive unserer Kinder und Enkelkinder ist noch unvorhersehbarer geworden“. Der Missionsbefehl Jesu allerdings habe sich nicht verändert und nichts an Aktualität und Bedeutung verloren – im Gegenteil: Europa brauche die Botschaft es Evangeliums heute mehr als je zuvor. Anders geworden sei aber „die Umgebung, in der wir versuchen, ihn zu erfüllen“ und „die Sprache und Mittel, mit denen wir das Evangelium verkündigen“.
Marylou Segebade und Beke Osmers gehören selbst der jüngeren Generation an. Ist es schwer geworden, heute als Kirche Kinder und Jugendliche zu erreichen? Als angehende Diakonin schaut Segebade hoffnungsvoll auf neue Möglichkeiten, den Glauben weiterzugeben: „Viele Jugendliche suchen Gemeinschaft, zum Beispiel in Vereinen. Und sie haben auch ein Interesse als Lebens- und Glaubensfragen.“ Daraus würden sich Anknüpfungspunkte ergeben. „Allerdings wissen viele gar nicht, was für Angebote es in der Kirche gibt. Und das Bild von Kirche, das viele junge Leute haben, ist nicht das Bild einer modernen und vielfältigen Kirche, die ich erlebe.“ Aber sie sieht durchaus Ansätze, die auch junge Leute begeistern – und nennt so unterschiedliche Beispiele wie den Gottesdienst „Into the light“ unter dem Motto „Taylor Swift meets Star Wars“, der am kommenden Sonntag in Oldenburg gefeiert wird, oder das große Landesjugendcamp in der Hannoverschen Landeskirche mit bis zu 2000 Jugendlichen. Auch die digitale Präsenz der Kirche sei wichtig – vor allem, um mit jungen Leuten in Kontakt zu bleiben. In Oldenburg sei dafür eigens ein Pastor zuständig, der unter dem Namen „Elektropastor“ digitale Angebote koordiniert.
20.30 Uhr im Speisesaal des Hotels. Das Dessert steht bereit, die Tischgespräche werden auf unterschiedlichen Sprachen in der Schlange vor dem Büffet weitergeführt. Kirchen aus Ungarn und Österreich, Estland und Deutschland seien an ihrem Tisch vertreten gewesen, erzählt Beke Osmers. Am Ende des Abendessens weiß sie jetzt nicht nur, wie alt ihre Tischnachbarn sind und ob sie Lehrerinnen oder Erzieher hatten, die ihnen ein Vorbild im Glauben waren. Sie staunt auch darüber, wie unterschiedlich in den unterschiedlichen Kirchen jeweils die Synoden und Gremien organisiert sind. Jetzt allerdings braucht sie erst einmal Zeit, das Erlebte zu verarbeiten – und eine hoffentlich erholsame Nacht.

