Ein Bericht von der Gottesdienstkonsultation in Frankfurt. Fan-Gedenkstätte am Frankfurter Stadion. Foto: GEKE.
Der Besuch im Stadion beginnt unter einer Eisenbahnbrücke. Es ist eng und ein wenig chaotisch, immer wieder lärmen ein vorbeifahrender Zug oder die Bauarbeiten nebenan. An diesem Ort macht uns Pfarrer Peter Noss auf die Graffiti aufmerksam, die die Wände und Decken der Unterführung ausfüllen. Abgebildet sind Menschen in schwarz und weiß, darüber der Schriftzug: „Für immer unvergessen“. Auf dem Boden liegen einige Kränze. Herr Noss klärt uns auf, dass an diesem Ort verstorbenen Menschen aus der Fanszene gedacht wird.
Der besondere Platz an der Decke ist einem besonderen Fan vorbehalten: Helmut Sonneberg, Holocaustüberlebender und langjähriger Repräsentant des Vereins, der viele Jahrzehnte in der Fanszene engagiert war. Im Jahr 2023 ist er verstorben und nun erinnert dieses Bild an sein Leben und seinen Einsatz für den Fußballverein. Sein Portrait ist noch an einer anderen Stelle zu finden, auf einem Banner an der Außenwand des Stadions, mit dem sich Eintracht Frankfurt zur Erinnerung und gegen Rassismus bekennt. Totengedenken und gemeinsame Werte gehören zur Fankultur dazu.
Der Weg zur Stadionkapelle führt über den VIP-Eingang. Dort erwartet uns ein langer, fensterloser Raum mit Wänden aus Beton. Wir nehmen auf den rot und schwarz gestalteten Metallstühlen Platz. Weil wir so viele sind, kommen auch noch ein graues Sofa in einer Ecke und einige Klappstühle zum Einsatz. Der Schriftzug: „Glaube trifft Leidenschaft“ ist an die Wand gebeamt. Im vorderen Bereich stehen Altar, Lesepult und Taufbecken, alles aus Holz gemacht. Die Ausstattung der im Jahr 2007 eröffneten Kapelle geht auf den mittlerweile verstorbenen Künstler Werner Pokorny zurück. Aktuell wird der Betrieb von 4 Pfarrpersonen getragen, die sich neben ihrer eigentlichen Stelle für die Stadionarbeit engagieren. Zwei davon, Peter Noss und Markus Schnepel, sind heute da und erzählen von ihrer Arbeit.
Wir sind als Liturgiekonsultation unterwegs und passend dazu erklären uns die beiden Pfarrer die Liturgie eines Fußballspiels, die im Stadion Choreografie genannt wird: Der Count-Down, die Stadionhymne „Mitten in Europa“, die großen Transparente, die über den Fanblöcken aufgespannt werden. Doch eigentlich beginne der ritualisierte Ablauf eines Heimspiels schon viel früher: Bereits zwei Stunden vor dem Spiel füllen sich die Straßen, die Fans gehen gemeinsam zum Stadion. Bevor sie sich zu ihren Stammplätzen begeben, gebe es Bratwurst und Bier. Und selbst die wegen der Verletzungsgefahr verbotene Pyro-Technik gehöre irgendwie zu der Choreografie dazu.
Ist die Stadionkapelle ein Teil dieser Fußball-Liturgie? Aktuell, erzählen uns Noss und Schnepel, ist das noch nicht möglich. Bei Heimspielen bleibt die Kapelle geschlossen. Zum Einsatz kommt sie zu anderen Zeiten: Immer wieder wünschen sich Eintracht-Fans, an diesem für sie bedeutsamen Ort getraut zu werden oder dort ihr Kind taufen zu lassen. Für sie sei es etwas Besonderes, den göttlichen Segen gerade hier, im Stadion, zu empfangen. Darüber hinaus kommen regelmäßig Firmungs- oder Konfirmandengruppen so wie wir heute zu einer Besichtigung zu Besuch.
Die Stadionkapelle in Frankfurt ist nicht die einzige in Deutschland. Das Team hat sich auf den Weg gemacht, um die verschiedenen Orte und ihre Konzepte kennenzulernen. Tatsächlich funktionieren die Kontaktpunkte von Christentum und Fußballbundesliga alle ein wenig unterschiedlich. Kapellen gibt es zum Beispiel noch in Gelsenkirchen und im Berliner Olympia-Stadion, wo vor Heimspielen regelmäßig Andachten gefeiert werden. In Leipzig existiert eine Kapelle, die von christlichen Fangruppen getragen wird. Und in Bochum gibt es seit kurzem den „Fan-Dom“, eine evangelische Kirche, die bei Heimspielen öffnet. Dort finanziert die Landeskirche sogar einen Stellenanteil für Stadionseelsorge, die vom Verein mit den notwendigen Zugangsmöglichkeiten unterstützt wird. Mittlerweile werde dieses Angebot bei Bochumer Heimspielen permanent in Anspruch genommen. Das Frankfurter Team möchte die Vernetzung mit den anderen Orten christlichen Lebens im Fußballstadion nutzen, um die eigene Arbeit weiterzuentwickeln. Ein großes Ziel sei es, in Zukunft bei Heimspielen präsent zu sein. Weitere Themen sind die Zusammenarbeit mit katholischen Kolleg*innen und vielleicht sogar auf einer interreligiösen Ebene. Einen jüdischen Fanclub gibt es bereits, einen christlich-jüdischen Fußballpodcast auch, und eine christlich-jüdisch-muslimische Zusammenarbeit in der Fankultur wünscht sich Peter Noss für die Zukunft.
Am Ende zeigt uns Markus Schnepel das Abschlussritual, das er mit Gruppen von Jugendlichen beim Besuch der Kapelle durchführt. Nachdem wir auf diese Weise Gottes Wort in die Welt „gekickt“ haben, beschließen wir den Besuch mit einem Gruppenfoto und einem kurzen Blick auf das Spielfeld im Herzen des Stadions.
Matti Schoss (GEKE-Young Theologians)
Weitere Berichte und Materialien zur Gottesdienstkonsultation in Frankfurt

