Die GEKE lud österreichische Medienvertreter zu einem Hintergrundgespräch mit Generalsekretär Mario Fischer ein. Das Treffen verlief sehr positiv und war geprägt von zahlreichen Fragen der anwesenden Journalistinnen und Journalisten, die überwiegend einen katholischen Hintergrund haben. Besonders groß war ihr Interesse an der europäischen evangelischen Kirchenlandschaft und deren vielfältigen Stimmen und Gesichtern.
Im Unterschied zur katholischen Kirche gibt es in der evangelischen Tradition keinen Anspruch, von „oben“ eine einheitliche Linie vorzugeben. Bereits seit den theologischen Gesprächen Anfang der 1970er Jahre verfolgten lutherische und reformierte Theologen den Wunsch, sich zusammenzuschließen. Grundlage dafür war, die positiven Anliegen der jeweils anderen Konfession zu verstehen, ohne deren Tradition von vornherein abzulehnen oder abzutun.
Eine einheitliche Stimme der evangelischen Kirchen existiert somit nicht, auch wenn die GEKE ursprünglich danach strebte, als gemeinsame evangelische Stimme in Europa aufzutreten. Mario Fischer erklärt:
„Davon sind wir etwas abgekommen, denn die Kirchen haben teilweise zu unterschiedliche Sichtweisen, wenn es um gesellschaftlich brisante Themen wie Migration oder ethische Fragen zu Gender und Sexualität geht. Es gibt einen ethischen Korridor – darin sind mehrere Positionen möglich. Das wurde etwa bei unserem Prozess zur Sterbehilfe sehr deutlich. Was wir wollen, ist, die Mitgliedskirchen zu befähigen, in ihrem jeweiligen Kontext zu sprechen und sich auf Grundlage unserer Studienprozesse gründlich zu informieren, um eine fundierte Meinung bilden zu können.“
Standort Wien und Geschichte der GEKE
Dass die GEKE seit 2007 ihren Sitz in Wien hat – obwohl es in Österreich nur 3–4 % protestantische Gläubige gibt – dient der besseren Wahrnehmung der Evangelischen Kirche. Fischer betont:
„Noch wichtiger war es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als Brückenkopf in Europa positioniert zu sein.“
Ursprünglich befand sich das Büro der GEKE dort, wo der Generalsekretär sein Amt nebenamtlich ausübte – zuerst in Straßburg, dann in Berlin und schließlich in Wien. Die Leuenberger Kirchengemeinschaft in Straßburg bestand zu Beginn praktisch nur aus einem Briefkasten, über den Mitgliedskirchen ihre Bewerbungen einreichten. Heute ist die GEKE mit neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut etabliert. Auf die Frage nach der Außendarstellung erklärt Fischer:
„Es ist gelungen, bewusst zu machen, dass wir eine gemeinsame Kirche sind. Reformierte Gläubige können im Urlaub in methodistischen, unierten oder lutherischen Kirchen Gottesdienst feiern. Außerdem vertreten wir die Kirchen gegenüber den europäischen Institutionen.“
Herausforderungen in Europa
Fischer beobachtet eine zunehmende Verhärtung der politischen Positionen in Europa:
„Es gibt kaum noch binäre Entscheidungswege. Viele akzeptieren nur noch A oder Nicht-A, aber B, C oder D wird oft ignoriert. Das zeigte sich beim Brexit, aber auch in verschiedenen europäischen Staaten, wo Kirchen teilweise politisch vereinnahmt werden. So wird etwa die ungarisch-reformierte Kirche durch massive finanzielle Unterstützung des Orbán-Regimes stark beeinflusst.“
Trotz unterschiedlicher Ansichten innerhalb der Kirchengemeinschaft sei Dialog entscheidend. Ein besonderer Moment war die Vollversammlung 2024, bei der ukrainische und russische Vertreter der dortigen lutherischen Kirche gemeinsam am Podium saßen und über die vielfältigen Rollen der Kirchen im Krieg diskutierten.
Evangelische Minderheitskirchen in Europa
Evangelische Kirchen sind in Europa oft Minderheitskirchen. Von rund 500 Millionen Europäerinnen und Europäern sind etwa 40 Millionen evangelisch, davon 20 Millionen in Deutschland. In Skandinavien und Island ist die Bevölkerung mehrheitlich evangelisch, aber insgesamt nimmt die Zahl ab. Viele Kirchengemeinden sind leer geworden, weshalb neue Projekte wie „Mixed Economy“ initiiert werden, um Gemeinschaftsformen abseits klassischer Strukturen zu stärken.
Auch in den Randregionen Europas existieren kleine evangelische Gemeinden, die durch Arbeitsmigration stark geschrumpft sind. Die Kirchen wollen sowohl für die abgewanderten Menschen als auch für neu hinzugekommene Migrantinnen und Migranten präsent sein.
Abschließend betont Fischer:
„Unsere Gesellschaften sind das Ackerfeld Gottes. Dort wollen wir wirken und die frohe Botschaft verkünden.“

