{"id":5270,"date":"2026-11-05T11:45:12","date_gmt":"2026-11-05T11:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/?p=5270"},"modified":"2026-11-05T11:47:11","modified_gmt":"2026-11-05T11:47:11","slug":"liturgie-im-fussballstadion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/2026\/11\/05\/liturgie-im-fussballstadion\/","title":{"rendered":"Liturgie im Fu\u00dfballstadion"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Bericht von der Gottesdienstkonsultation in Frankfurt. Fan-Gedenkst\u00e4tte am Frankfurter Stadion. Foto: GEKE.<\/em><\/p>\n<p>Der Besuch im Stadion beginnt unter einer Eisenbahnbr\u00fccke. Es ist eng und ein wenig chaotisch, immer wieder l\u00e4rmen ein vorbeifahrender Zug oder die Bauarbeiten nebenan. An diesem Ort macht uns Pfarrer Peter Noss auf die Graffiti aufmerksam, die die W\u00e4nde und Decken der Unterf\u00fchrung ausf\u00fcllen. Abgebildet sind Menschen in schwarz und wei\u00df, dar\u00fcber der Schriftzug: \u201eF\u00fcr immer unvergessen\u201c. Auf dem Boden liegen einige Kr\u00e4nze. Herr Noss kl\u00e4rt uns auf, dass an diesem Ort verstorbenen Menschen aus der Fanszene gedacht wird.<\/p>\n<p>Der besondere Platz an der Decke ist einem besonderen Fan vorbehalten: Helmut Sonneberg, Holocaust\u00fcberlebender und langj\u00e4hriger Repr\u00e4sentant des Vereins, der viele Jahrzehnte in der Fanszene engagiert war. Im Jahr 2023 ist er verstorben und nun erinnert dieses Bild an sein Leben und seinen Einsatz f\u00fcr den Fu\u00dfballverein. Sein Portrait ist noch an einer anderen Stelle zu finden, auf einem Banner an der Au\u00dfenwand des Stadions, mit dem sich Eintracht Frankfurt zur Erinnerung und gegen Rassismus bekennt. Totengedenken und gemeinsame Werte geh\u00f6ren zur Fankultur dazu.<\/p>\n<p>Der Weg zur Stadionkapelle f\u00fchrt \u00fcber den VIP-Eingang. Dort erwartet uns ein langer, fensterloser Raum mit W\u00e4nden aus Beton. Wir nehmen auf den rot und schwarz gestalteten Metallst\u00fchlen Platz. Weil wir so viele sind, kommen auch noch ein graues Sofa in einer Ecke und einige Klappst\u00fchle zum Einsatz. Der Schriftzug: \u201eGlaube trifft Leidenschaft\u201c ist an die Wand gebeamt. Im vorderen Bereich stehen Altar, Lesepult und Taufbecken, alles aus Holz gemacht. Die Ausstattung der im Jahr 2007 er\u00f6ffneten Kapelle geht auf den mittlerweile verstorbenen K\u00fcnstler Werner Pokorny zur\u00fcck. Aktuell wird der Betrieb von 4 Pfarrpersonen getragen, die sich neben ihrer eigentlichen Stelle f\u00fcr die Stadionarbeit engagieren. Zwei davon, Peter Noss und Markus Schnepel, sind heute da und erz\u00e4hlen von ihrer Arbeit.<\/p>\n<p>Wir sind als Liturgiekonsultation unterwegs und passend dazu erkl\u00e4ren uns die beiden Pfarrer die Liturgie eines Fu\u00dfballspiels, die im Stadion Choreografie genannt wird: Der Count-Down, die Stadionhymne \u201eMitten in Europa\u201c, die gro\u00dfen Transparente, die \u00fcber den Fanbl\u00f6cken aufgespannt werden. Doch eigentlich beginne der ritualisierte Ablauf eines Heimspiels schon viel fr\u00fcher: Bereits zwei Stunden vor dem Spiel f\u00fcllen sich die Stra\u00dfen, die Fans gehen gemeinsam zum Stadion. Bevor sie sich zu ihren Stammpl\u00e4tzen begeben, gebe es Bratwurst und Bier. Und selbst die wegen der Verletzungsgefahr verbotene Pyro-Technik geh\u00f6re irgendwie zu der Choreografie dazu.<\/p>\n<p>Ist die Stadionkapelle ein Teil dieser Fu\u00dfball-Liturgie? Aktuell, erz\u00e4hlen uns Noss und Schnepel, ist das noch nicht m\u00f6glich. Bei Heimspielen bleibt die Kapelle geschlossen. Zum Einsatz kommt sie zu anderen Zeiten: Immer wieder w\u00fcnschen sich Eintracht-Fans, an diesem f\u00fcr sie bedeutsamen Ort getraut zu werden oder dort ihr Kind taufen zu lassen. F\u00fcr sie sei es etwas Besonderes, den g\u00f6ttlichen Segen gerade hier, im Stadion, zu empfangen. Dar\u00fcber hinaus kommen regelm\u00e4\u00dfig Firmungs- oder Konfirmandengruppen so wie wir heute zu einer Besichtigung zu Besuch.<\/p>\n<p>Die Stadionkapelle in Frankfurt ist nicht die einzige in Deutschland. Das Team hat sich auf den Weg gemacht, um die verschiedenen Orte und ihre Konzepte kennenzulernen. Tats\u00e4chlich funktionieren die Kontaktpunkte von Christentum und Fu\u00dfballbundesliga alle ein wenig unterschiedlich. Kapellen gibt es zum Beispiel noch in Gelsenkirchen und im Berliner Olympia-Stadion, wo vor Heimspielen regelm\u00e4\u00dfig Andachten gefeiert werden. In Leipzig existiert eine Kapelle, die von christlichen Fangruppen getragen wird. Und in Bochum gibt es seit kurzem den \u201eFan-Dom\u201c, eine evangelische Kirche, die bei Heimspielen \u00f6ffnet. Dort finanziert die Landeskirche sogar einen Stellenanteil f\u00fcr Stadionseelsorge, die vom Verein mit den notwendigen Zugangsm\u00f6glichkeiten unterst\u00fctzt wird. Mittlerweile werde dieses Angebot bei Bochumer Heimspielen permanent in Anspruch genommen. Das Frankfurter Team m\u00f6chte die Vernetzung mit den anderen Orten christlichen Lebens im Fu\u00dfballstadion nutzen, um die eigene Arbeit weiterzuentwickeln. Ein gro\u00dfes Ziel sei es, in Zukunft bei Heimspielen pr\u00e4sent zu sein. Weitere Themen sind die Zusammenarbeit mit katholischen Kolleg*innen und vielleicht sogar auf einer interreligi\u00f6sen Ebene. Einen j\u00fcdischen Fanclub gibt es bereits, einen christlich-j\u00fcdischen Fu\u00dfballpodcast auch, und eine christlich-j\u00fcdisch-muslimische Zusammenarbeit in der Fankultur w\u00fcnscht sich Peter Noss f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Am Ende zeigt uns Markus Schnepel das Abschlussritual, das er mit Gruppen von Jugendlichen beim Besuch der Kapelle durchf\u00fchrt. Nachdem wir auf diese Weise Gottes Wort in die Welt \u201egekickt\u201c haben, beschlie\u00dfen wir den Besuch mit einem Gruppenfoto und einem kurzen Blick auf das Spielfeld im Herzen des Stadions.<\/p>\n<p>Matti Schoss (GEKE-Young Theologians)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/frankfurt-2026\/#berichte\">Weitere Berichte und Materialien zur Gottesdienstkonsultation in Frankfurt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matti Schoss besucht die Stadionkapelle in Frankfurt und berichtet vom Zusammenspiel von Totengedenken, Glauben und Fankultur. Ein Bericht von der GEKE-Gottesdienstkonsultation.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5269,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[24,11],"tags":[],"class_list":["post-5270","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutsch-de","category-nachrichten"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5270","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5270"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5270\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5271,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5270\/revisions\/5271"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5270"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5270"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5270"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}