{"id":5255,"date":"2026-11-05T07:36:58","date_gmt":"2026-11-05T07:36:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/?p=5255"},"modified":"2026-11-05T07:37:02","modified_gmt":"2026-11-05T07:37:02","slug":"bei-gregorio-laeuft-es-anders-frankfurt-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/2026\/11\/05\/bei-gregorio-laeuft-es-anders-frankfurt-2026\/","title":{"rendered":"Bei Gregorio l\u00e4uft es anders"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein pers\u00f6nlicher Bericht vom zweiten Tag der Gottesdienstkonsultation in Frankfurt. Foto: Kathrin Mette.<\/em><\/p>\n<p>Links sitzt Annette aus Marburg. Ich kenne sie seit meiner Studienzeit. Sie ist Methodistin. Rechts neben mir sitzt Gregorio aus Italien. Er tr\u00e4gt einen gr\u00fcnen Strickpullover, hat ein freundliches Gesicht und ist Waldenser. Ich selbst bin deutsche Lutheranerin. Normalerweise mache ich mir wenig Gedanken \u00fcber meine Konfession, aber das ist hier anders. Denn seit Montag bin ich Teil der GEKE-Konferenz, zusammen mit 40 anderen Personen. Wir tagen in Frankfurt am Main und kommen aus verschiedenen evangelischen Kirchen Europas, nicht nur aus Italien und Deutschland, sondern auch aus Ungarn, Frankreich, Norwegen und der Slowakei.<\/p>\n<p>Unser Thema f\u00fcr die vier Tage in Frankfurt lautet: Wie begleiten evangelische Kirchen in Europa Menschen an den Wendepunkten des Lebens \u2013 bei Hochzeiten, der Geburt eines Kindes, aber auch in Krankheit und Trauer? Welche Angebote und Rituale gibt es? Wer nimmt sie in Anspruch? Wie sehr richten sich die Kirchen dabei nach den Erwartungen der Menschen? Und was, wenn diese Erwartungen schwer mit dem kirchlichen Verk\u00fcndigungsauftrag zu vereinbaren sind?<\/p>\n<p>Schon am ersten Abend wird deutlich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen in den Kirchen sind. Es macht eben einen Unterschied, ob man \u00fcber Taufen, Konfirmationen und Beerdigungen in D\u00e4nemark oder Mitteldeutschland spricht. In D\u00e4nemark sind rund 70 % der Menschen Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche. Fast jeder Zweite nimmt mindestens einmal im Jahr an einer Kasualie teil \u2013 etwa an der Konfirmation der Nichte oder des Enkels oder an der kirchlichen Trauerfeier eines Nachbarn. In Mitteldeutschland geh\u00f6rt dagegen nur noch eine Minderheit der evangelischen Kirche an. Kirchliche Hochzeiten und Taufen sind hier selten, auch weil in manchen Regionen kaum noch junge Menschen leben. Darin liegt allerdings eine Chance: Wenn sich ein Paar doch kirchlich trauen l\u00e4sst, sitzen pl\u00f6tzlich viele Menschen im Gottesdienst, die noch nie etwas mit Kirche zu tun hatten.<\/p>\n<p>Heute, am zweiten Tag, soll es um den \u201eSegen\u201c gehen. Als Erstes steht ein Vortrag auf dem Programm: \u201eSegen aus biblischer und systematisch-theologischer Perspektive\u201c. W\u00e4hrend der Theologe und Kirchenmusiker Jochen Arnold seine Unterlagen am Rednerpult ordnet, plaudere ich noch etwas mit Gregorio, dem italienischen Waldenser rechts neben mir. Er spricht sehr gut Deutsch. Daf\u00fcr bin ich dankbar. Ich erfahre, dass er als Pfarrer in drei kleinen methodistischen Gemeinden in und um Alessandria arbeitet. Das ist eine Stadt zwischen Genua und Turin. Sie hat 100.000 Einwohner. F\u00fcnfzehn davon geh\u00f6ren zu Gregorios Gemeinde. \u201eWir sind wenige, aber wir fallen auf\u201c, erz\u00e4hlt er fr\u00f6hlich. \u201eDas hat damit zu tun, dass wir uns sozialpolitisch engagieren.\u201c Ich hole uns noch einen Kaffee, dann geht der Vortrag los.<\/p>\n<p>\u201eWas ist Segen und was tun wir, wenn wir segnen?\u201c, fragt Jochen Arnold und schl\u00e4gt einen weiten Bogen vom Sch\u00f6pfungsbericht am Anfang der Bibel bis zum Ende des Lukasevangeliums, in dem Jesus seine J\u00fcnger segnet, bevor er sich in den Himmel verabschiedet.<br \/>\u201eSegen ist Zuspruch, keine Bitte. Ein Kraftwort in die Zukunft hinein, ein performativer Sprechakt\u201c, sagt Jochen Arnold. \u201eParola performativa\u201c notiert Gregorio. \u201eSegen folgt der Logik eines \u00fcberflie\u00dfenden Glases\u201c, formuliert Jochen Arnold. Gregorio schreibt: \u201eLogica della sovrabbondanza\u201c und erz\u00e4hlt mir, dass er in dieser Tiefe noch nie \u00fcber den Segen nachgedacht hat.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle ihm, dass es in Deutschland seit einigen Jahren Segensaktionen in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen gibt, bei denen Pfarrpersonen den Passanten eine pers\u00f6nliche Segnung anbieten. Zum Beispiel, indem sie ein Schild hochhalten, auf dem so etwas steht wie: \u201eIch segne Sie.\u201c Und tats\u00e4chlich gibt es gute Erfahrungen bei diesen Aktionen. Manche Menschen unterbrechen f\u00fcr dieses Angebot ihre Besorgungen. \u201eMacht ihr so etwas auch bei euch?\u201c, frage ich Gregorio. Als er verneint, bohre ich nach: \u201eAber w\u00e4re das nicht eine gute Idee?\u201c Er winkt ab: \u201eDie Leute w\u00fcrden wahrscheinlich einen Krankenwagen rufen und mich abholen lassen\u201c, sagt er. \u201eReligion ist in Italien privat, nichts f\u00fcr die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone.\u201c Nun muss ich lachen. \u00dcber Gregorios Worte und dar\u00fcber, wie verschieden wir evangelischen Kirchen doch sind. Zugleich f\u00fchle ich mich in diesem Moment beschenkt und gesegnet, weil ich Teil dieser Gemeinschaft bin. Und ja: Das Gef\u00fchl hat etwas von einem \u00fcberflie\u00dfenden Glas. Wie w\u00fcrde Gregorio sagen? \u201eLogica della sovrabbondanza!\u201c<\/p>\n<p>Pfn. Dr. Kathrin Mette, Evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens<br \/>Blog: <a href=\"https:\/\/heute-irgendwo.de\/\">heute-irgendwo.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/frankfurt-2026\/#berichte\">Weitere Berichte und Materialien zur Gottesdienstkonsultation in Frankfurt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kathrin Mette berichtet vom zweiten Tag der Gottesdienstkonsultation in Frankfurt und von einem Gespr\u00e4ch mit Gregorio Plescan \u00fcber Segen und europ\u00e4ische Unterschiede.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5253,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[24,23,11],"tags":[],"class_list":["post-5255","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutsch-de","category-english-de","category-nachrichten"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5255"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5256,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5255\/revisions\/5256"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5253"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}