{"id":5247,"date":"2026-11-03T14:57:18","date_gmt":"2026-11-03T14:57:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/?p=5247"},"modified":"2026-11-03T14:57:22","modified_gmt":"2026-11-03T14:57:22","slug":"john-bell-gottesdienst-frankfurt-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/2026\/11\/03\/john-bell-gottesdienst-frankfurt-2026\/","title":{"rendered":"Jenseits von Worten und Ritualen: John Bell \u00fcber einen lebendigen Gottesdienst in einer sich wandelnden Welt"},"content":{"rendered":"<p><em>Der schottische Liederdichter John Bell. Foto: GEKE.<\/em><\/p>\n<p><strong>In einem Gespr\u00e4ch w\u00e4hrend der Gottesdienstkonsultation der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in Frankfurt spricht der schottische Liederdichter und Liturg Pfarrer John L. Bell \u00fcber die Beteiligung am Gottesdienst, Gastfreundschaft an den Wendepunkten des Lebens und dar\u00fcber, was europ\u00e4ische Kirchen von Gottesdiensttraditionen aus aller Welt lernen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>Was macht einen Gottesdienst bedeutsam? Ist es die Vertrautheit bew\u00e4hrter Liturgien, die Sch\u00f6nheit geistlicher Musik oder sind es die sorgf\u00e4ltig gew\u00e4hlten Worte einer Pfarrperson? Oder braucht ein Gottesdienst, der Menschen wirklich anspricht, noch etwas anderes: die aktive Beteiligung einer Gemeinschaft, die Freiheit, echte Gef\u00fchle auszudr\u00fccken, und die Bereitschaft, Gott durch ungewohnte Stimmen und Traditionen zu begegnen?<\/p>\n<p>Diese Fragen stehen im Mittelpunkt gegenw\u00e4rtiger Debatten \u00fcber liturgische Erneuerung \u2013 besonders angesichts der Herausforderung, vor der europ\u00e4ische Kirchen in Gesellschaften stehen, in denen sich traditionelle Formen religi\u00f6ser Zugeh\u00f6rigkeit ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) veranstaltet vom 2. bis 5. November 2026 ihre Gottesdienstkonsultation in Frankfurt am Main. Die gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) organisierte Konsultation bringt Vertreterinnen und Vertreter evangelischer Kirchen zusammen, um \u00fcber Kasualgottesdienste, Segnungen und den kirchlichen Dienst an bedeutsamen \u00dcberg\u00e4ngen im menschlichen Leben nachzudenken.<\/p>\n<p>Zu den Mitwirkenden geh\u00f6rt Pfarrer John L. Bell, ein Geistlicher der Church of Scotland, Liederdichter und Mitglied der Iona Community. Bell ist international f\u00fcr seine Arbeit zum Gemeindegesang und zu partizipativen Gottesdienstformen bekannt. Er hat die Wild Goose Resource Group mitgegr\u00fcndet, die Materialien entwickelt, mit denen Kirchengemeinden die Gestaltung und das Erleben von Gottesdiensten neu durchdenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In einem Interview w\u00e4hrend der Konsultation teilte Bell \u00dcberlegungen, die von jahrzehntelangen Erfahrungen in unterschiedlichen kirchlichen und kulturellen Kontexten gepr\u00e4gt sind. Dabei kristallisierte sich ein zentrales Anliegen heraus: Gottesdienst muss etwas sein, an dem Menschen wirklich teilhaben, statt etwas, das f\u00fcr sie aufgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<h2>Vom passiven Zuh\u00f6ren zur aktiven Beteiligung<\/h2>\n<p>Eine der Herausforderungen evangelischer Liturgie sieht Bell in ihrer historisch gewachsenen Abh\u00e4ngigkeit von gesprochenen Worten und festgelegten Formen.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrt diese Neigung auf den Einfluss reformatorischer Traditionen zur\u00fcck, insbesondere auf die mit Johannes Calvin in Genf verbundenen Gottesdienstordnungen. Dabei sei Gottesdienst h\u00e4ufig vor allem von dem her verstanden worden, was die Pfarrperson sagt und was die Gemeinde h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ein bedeutsamer Gottesdienst braucht seiner Ansicht nach jedoch ein viel breiteres Spektrum menschlicher Ausdrucksformen.<\/p>\n<p>Aus seiner Erfahrung bei der Entwicklung von Gottesdienstmaterialien benannte Bell f\u00fcnf wichtige Dimensionen: Klang, Stille, Bewegung, Farbe und Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Diese Elemente laden Menschen dazu ein, sich nicht nur intellektuell, sondern auch k\u00f6rperlich, emotional und gemeinschaftlich am Gottesdienst zu beteiligen. Kerzen anzuz\u00fcnden, sich im Kirchenraum zu bewegen, Gebete miteinander zu teilen und unterschiedliche Menschen aus der Bibel lesen zu lassen, sind nicht blo\u00df schm\u00fcckende Erg\u00e4nzungen. Sie k\u00f6nnen ver\u00e4ndern, wie eine Gemeinde ihr Verh\u00e4ltnis zum Gottesdienst versteht.<\/p>\n<p>Statt eine Liturgie lediglich entgegenzunehmen, die vollst\u00e4ndig von anderen vorbereitet wurde, erkennen die Gemeindemitglieder sich zunehmend selbst als Beteiligte an ihrer Gestaltung und ihrem Ausdruck.<\/p>\n<p>Bell betonte, dass dieser Wandel auch voraussetzt, dass Pfarrpersonen der theologischen Vorstellungskraft ihrer Gemeinden vertrauen. Er stellte die Annahme infrage, dass die wirkungsvollsten Liturgien stets ausschlie\u00dflich von ordinierten Geistlichen vorbereitet werden m\u00fcssten. Stattdessen pl\u00e4dierte er f\u00fcr eine gemeinsame Vorbereitung, bei der Ehrenamtliche und andere Gemeindemitglieder biblische Texte erkunden, Fragen stellen und eigene Anregungen zum Ablauf eines Gottesdienstes einbringen.<\/p>\n<p>Als Beispiel verwies er auf die Heilung des Blindgeborenen in Johannes 9. Obwohl die Erz\u00e4hlung zun\u00e4chst einfach erscheinen mag, erinnerte sich Bell daran, wie ein Kollege mit architektonischem Hintergrund auf die verschiedenen Schaupl\u00e4tze aufmerksam gemacht hatte, zwischen denen die Handlung wechselt.<\/p>\n<p>Diese Beobachtung er\u00f6ffnete neue liturgische M\u00f6glichkeiten. Die Erz\u00e4hlung k\u00f6nnte mit mehreren Stimmen gestaltet werden, w\u00e4hrend Bewegung und Musik die einzelnen Stationen markieren. Anstatt die Geschichte nur vorgelesen zu bekommen, k\u00f6nnten die Gottesdienstbesuchenden etwas von ihrer Dynamik und Dramatik erleben. Anschlie\u00dfend lie\u00dfe sich die Gemeinde dazu einladen, dar\u00fcber nachzudenken, was sie durch diese andere Begegnung mit der Schrift entdeckt hat.<\/p>\n<p>Ein solcher Ansatz schm\u00e4lert den biblischen Text nicht. Vielmehr erm\u00f6glicht er ihm, die Gemeinde umfassender anzusprechen.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel entnahm Bell einer katholischen Messe, die er vor Kurzem in Br\u00fcssel besucht hatte. Anders als bei der vertrauten Anordnung von Bankreihen mit Blick auf den Altarraum sa\u00dfen die Teilnehmenden im Kreis, und der Priester sa\u00df mitten unter ihnen.<\/p>\n<p>Nach der Lesung des Evangeliums ermutigte der Priester die Anwesenden, dar\u00fcber zu sprechen, wie dessen Botschaft ihr Leben ver\u00e4ndern k\u00f6nnte. Menschen unterschiedlichen Alters teilten ihre Gedanken. Der Priester nahm ihre Beitr\u00e4ge auf und erg\u00e4nzte sie anschlie\u00dfend um einige theologische Einordnungen.<\/p>\n<p>Bell beeindruckte das Vertrauen, das in dieser Anordnung zum Ausdruck kam. Der Priester behielt seine besonderen liturgischen Aufgaben bei und erkannte zugleich die Erfahrungen und Einsichten der Gemeinde als wertvolle Beitr\u00e4ge zur Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift an.<\/p>\n<p>Dieses Beispiel verweist auf eine grundlegende ekklesiologische Frage: K\u00f6nnen Kirchen Liturgie nicht nur als Aufgabe religi\u00f6ser Fachleute verstehen, sondern als Ausdruck des Glaubens der gesamten Gottesdienstgemeinde?<\/p>\n<h2>An den Wendepunkten des Lebens: Gastfreundschaft vor Vertrautheit<\/h2>\n<p>Wie wichtig Beteiligung ist, zeigt sich besonders bei Kasualgottesdiensten wie Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Obwohl diese jeweils eine eigene theologische Bedeutung besitzen, f\u00fchren sie oft Menschen in Kirchen, die kaum mit organisierter Religion verbunden oder mit christlichen Gottesdienstformen nicht vertraut sind.<\/p>\n<p>Daraus erw\u00e4chst f\u00fcr die Kirchen nach Bell eine besondere Verantwortung, ihre Gottesdienste verst\u00e4ndlich und einladend zu gestalten.<\/p>\n<p>Traditionelle Liturgien enthalten, so beobachtete er, mitunter Formulierungen, Voraussetzungen und Autorit\u00e4tsvorstellungen, die f\u00fcr die Anwesenden nicht mehr ohne Weiteres nachvollziehbar sind. Einfach zu erwarten, dass Menschen wissen, wie sie sich verhalten, wann sie antworten oder was ein bestimmtes Ritual bedeutet, kann unbeabsichtigt Distanz zwischen der Kirche und ihren G\u00e4sten schaffen.<\/p>\n<p>Deshalb betonte Bell, wie wichtig es ist, zu erkl\u00e4ren, was w\u00e4hrend eines Gottesdienstes geschehen wird und warum bestimmte Handlungen bedeutsam sind. Verst\u00e4ndlichkeit bedeutet jedoch mehr als blo\u00dfe Anleitung. Sie beginnt mit echter Gastfreundschaft.<\/p>\n<p>Bell erinnerte sich an eine katholische Trauerfeier, bei der der Priester ausdr\u00fccklich auch diejenigen willkommen hie\u00df, die nicht der r\u00f6misch-katholischen Kirche angeh\u00f6rten, und deutlich machte, dass ihre Anwesenheit f\u00fcr die versammelte Gemeinschaft wertvoll sei.<\/p>\n<p>Solche Gesten k\u00f6nnen nach Bell die Atmosph\u00e4re eines Gottesdienstes grundlegend ver\u00e4ndern. Menschen, die sich sonst unsicher oder ausgeschlossen f\u00fchlen k\u00f6nnten, erfahren, dass sie tats\u00e4chlich zur versammelten Gemeinschaft geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Auch seine \u00dcberlegungen zu Trauungen boten ein anschauliches Beispiel. In vielen kirchlichen Traditionen kommen die G\u00e4ste an, nehmen geordnet in Bankreihen Platz und warten auf den Einzug des Brautpaares. Bell schlug vor, dass das Paar seine G\u00e4ste stattdessen vor Beginn des Gottesdienstes pers\u00f6nlich am Eingang begr\u00fc\u00dfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Diese einfache Begegnung schafft ein Gef\u00fchl der Gemeinschaft, noch bevor die eigentliche Liturgie beginnt. Die Bedeutung der Geste liegt nicht in ihrer Neuartigkeit, sondern in dem Verst\u00e4ndnis christlicher Gastfreundschaft, das ihr zugrunde liegt: Die Versammelten sind nicht blo\u00dfe Zuschauer einer Zeremonie, sondern eine Gemeinschaft, die einen wichtigen Lebensmoment miteinander teilt.<\/p>\n<h2>Wenn Trauer Raum bekommen muss<\/h2>\n<p>Besonders eindr\u00fccklich waren Bells Gedanken zu Beerdigungen. W\u00e4hrend Trauungen einen Neuanfang feiern, f\u00fchren Trauerfeiern Menschen unter Umst\u00e4nden zusammen, die oft von Schmerz, Unsicherheit und widerspr\u00fcchlichen Gef\u00fchlen gepr\u00e4gt sind.<\/p>\n<p>Bell betonte, dass Trauerliturgien diesen Wirklichkeiten ehrlich begegnen m\u00fcssen. Manchmal bestehe die Versuchung, Trauer\u00e4u\u00dferungen zu vermeiden \u2013 etwa indem ausschlie\u00dflich aufmunternde Musik gew\u00e4hlt oder auf Worte verzichtet werde, die Tr\u00e4nen ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Christlicher Gottesdienst d\u00fcrfe von Trauernden aber nicht verlangen, ihren Schmerz zu verbergen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Bell fragte: \u201eWenn sie in der Kirche nicht weinen k\u00f6nnen, wo k\u00f6nnen sie dann weinen?\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die biblische Tradition der Klage ist f\u00fcr ihn eine unverzichtbare Quelle f\u00fcr Trauergottesdienste. Die Psalmen geben mit ihrem Ausdruck von Trauer, Protest, Angst und Vertrauen Erfahrungen eine Sprache, f\u00fcr die gew\u00f6hnliche Worte oft nicht ausreichen. Diese Sprache erkennt an, dass Trauer kein Versagen des Glaubens ist. Sie geh\u00f6rt zum Leben der Glaubensgemeinschaft.<\/p>\n<p>Bell sprach auch die schwierigere Frage an, wie Kirchen reagieren sollten, wenn der verstorbene Mensch anderen Leid zugef\u00fcgt hat. Er erinnerte sich an eine besonders herausfordernde Trauerfeier und erkl\u00e4rte, es w\u00e4re unangemessen gewesen, die verstorbene Person ausschlie\u00dflich positiv darzustellen, w\u00e4hrend die Versammelten schmerzhafte Erinnerungen mit sich trugen.<\/p>\n<p>Stattdessen versuchte er, das mit dem Leben dieser Person verbundene Leid anzuerkennen und den Verstorbenen dennoch der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen. Dieser Ansatz widersetzt sich der Vorstellung, christliche Trauerfeiern m\u00fcssten entweder die Toten idealisieren oder die Erfahrungen der Trauernden ausblenden.<\/p>\n<p>Darin zeigt sich auch eine wesentliche seelsorgliche Dimension der Liturgie: Die Worte des Gottesdienstes m\u00fcssen den Erfahrungen der versammelten Menschen gerecht werden. Der kirchliche Dienst an den Wendepunkten des Lebens verlangt f\u00fcr Bell mehr als die korrekte Ausf\u00fchrung \u00fcberlieferter Riten. Er erfordert Aufmerksamkeit, Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und den Mut, die ganze Vielschichtigkeit menschlicher Erfahrungen anzuerkennen.<\/p>\n<h2>\u00dcber Europas vertraute Traditionen hinaus<\/h2>\n<p>Auf die Frage, was europ\u00e4ische Kirchen bei der liturgischen Erneuerung voneinander lernen k\u00f6nnten, z\u00f6gerte Bell mit einer allgemeing\u00fcltigen Antwort. Jede Kirche m\u00fcsse selbst erkennen, was sie von ihren Nachbarkirchen lernen k\u00f6nne, meinte er.<\/p>\n<p>Er war jedoch \u00fcberzeugt, dass das europ\u00e4ische Christentum aus den Gottesdienstpraktiken von Kirchen in anderen Teilen der Welt viel entdecken k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick auf Besuche in Nepal, S\u00fcdafrika und Paraguay sprach Bell anerkennend \u00fcber die Spontaneit\u00e4t und Lebendigkeit des Gemeindegesangs, die er dort erlebt hatte. Seine Beobachtungen stellten die Tendenz mancher europ\u00e4ischer evangelischer Kirchen infrage, eine bestimmte musikalische Tradition als selbstverst\u00e4ndlichen Ma\u00dfstab christlichen Gottesdienstes zu betrachten.<\/p>\n<p>Bell wollte die Pfeifenorgel keineswegs abwerten. \u201eDie Orgel ist mein Lieblingsinstrument\u201c, sagte er, \u201eaber sie ist nicht immer das Beste.\u201c Er bestand darauf, dass die Wahl der Musikbegleitung dem Charakter der gesungenen Lieder dienen m\u00fcsse, statt jede musikalische Ausdrucksform in dasselbe traditionelle Muster zu pressen.<\/p>\n<p>Eine Volksmelodie sollte ihren volkst\u00fcmlichen Charakter bewahren. Ein rhythmisches Lied k\u00f6nnte besser mit Schlaginstrumenten begleitet werden, die es den Singenden erm\u00f6glichen, seinen Rhythmus k\u00f6rperlich zu sp\u00fcren. Im Kern geht es um das, was Bell als musikalische Integrit\u00e4t bezeichnete: unterschiedliche Musikformen gem\u00e4\u00df ihren je eigenen Eigenschaften zur Geltung kommen zu lassen.<\/p>\n<p>Sein Anliegen reicht \u00fcber Instrumente und Musikstile hinaus und betrifft die umfassendere Frage kulturellen Ausdrucks im Gottesdienst. Bell verwies auf die Ermutigung des Zweiten Vatikanischen Konzils, in der katholischen Liturgiepraxis \u00f6rtliche Sprachen, Kulturen und k\u00fcnstlerische Traditionen angemessen einzubeziehen.<\/p>\n<p>Seiner Ansicht nach haben Kirchen in vielen Teilen der Welt diese M\u00f6glichkeiten mit einer Freiheit aufgegriffen, von der europ\u00e4ische Kirchen lernen k\u00f6nnten. Er stellte dieser Lebendigkeit Kirchen in Gro\u00dfbritannien gegen\u00fcber, deren Geb\u00e4ude und Gottesdienstordnungen trotz ihrer Sch\u00f6nheit bisweilen, wie in einem fr\u00fcheren Jahrhundert bewahrt erscheinen. Er berichtete von Kirchenbesuchen, bei denen er sich \u201ewie in einem Themenpark des 19. Jahrhunderts\u201c gef\u00fchlt habe.<\/p>\n<p>Buntglasfenster, traditionelle Sprache, fest angeordnete Sitzpl\u00e4tze und vertraute Verhaltensmuster der Gemeinde k\u00f6nnen alle ein bestimmtes Gesellschaftsverst\u00e4ndnis vermitteln. Bells Anliegen war nicht, historische Traditionen abzuschaffen. Vielmehr sollten die Kirchen pr\u00fcfen, ob \u00fcberlieferte Formen das heutige Leben noch auf verst\u00e4ndliche Weise ansprechen.<\/p>\n<p>Diese Frage ist besonders in Gesellschaften relevant, in denen sich Vorstellungen von Autorit\u00e4t, Formen der Kommunikation und M\u00f6glichkeiten gemeinschaftlicher Beteiligung stark ver\u00e4ndert haben. Erneuerung kann f\u00fcr Bell bedeuten, dass Kirchen nicht nur \u00fcberdenken, was sie singen oder sagen, sondern auch, wie sie ihre Gottesdienstr\u00e4ume nutzen.<\/p>\n<p>Bell erinnerte sich an Gottesdienste in S\u00fcdafrika, in denen die gesamte Gemeinde an singenden Prozessionen beteiligt war, anstatt Bewegung und musikalische Leitung weitgehend einem Chor oder den Geistlichen zu \u00fcberlassen. Solche Formen zeigen ein Verst\u00e4ndnis von Gottesdienst als etwas, das die ganze Gemeinschaft k\u00f6rperlich erlebt und miteinander teilt. Sie fordern europ\u00e4ische Kirchen zugleich dazu heraus, zu fragen, ob etablierte liturgische Anordnungen Beteiligung manchmal unbeabsichtigt einschr\u00e4nken.<\/p>\n<h2>Erneuerung als Frage des Vertrauens<\/h2>\n<p>In den drei Themenbereichen des Gespr\u00e4chs \u2013 Beteiligung an der Liturgie, Gastfreundschaft bei Kasualgottesdiensten und Lernen von der weltweiten Christenheit \u2013 wurde eine gemeinsame \u00dcberzeugung deutlich.<\/p>\n<p>Bells \u00dcberlegungen legen nahe, dass liturgische Erneuerung mehr bedeutet, als Kirchenlieder auszutauschen, neue Instrumente einzuf\u00fchren oder \u00fcberlieferte Texte zu \u00fcberarbeiten. Es geht ebenso darum, wie Kirchen die Menschen verstehen, die zum Gottesdienst zusammenkommen, und welche Rolle sie ihnen dabei zugestehen.<\/p>\n<p>Vertrauen Pfarrpersonen den Gemeindemitgliedern zu, sich auf sinnvolle Weise mit der Heiligen Schrift auseinanderzusetzen? Werden G\u00e4ste als gesch\u00e4tzte Beteiligte willkommen gehei\u00dfen, statt als Au\u00dfenstehende behandelt zu werden, die die kirchlichen Gepflogenheiten nicht kennen? K\u00f6nnen Trauer, Freude, kulturelle Identit\u00e4ten und allt\u00e4gliche Erfahrungen im christlichen Gottesdienst authentischen Ausdruck finden?<\/p>\n<p>Bells Gedanken zeigen, dass diese Fragen grundlegend f\u00fcr die Zukunft der Liturgie sind. Zugleich machen sie deutlich, dass Erneuerung nicht als Ablehnung der Tradition verstanden werden muss. Im Gegenteil: Biblische Erz\u00e4hlungen, die Psalmen, die christliche Praxis der Gastfreundschaft und die weltweite Vielfalt der Kirche bieten reiche Ressourcen f\u00fcr eine Erneuerung des Gottesdienstes.<\/p>\n<p>Die Herausforderung liegt darin, diese Ressourcen in einen echten Dialog mit den Erfahrungen heutiger Gemeinschaften zu bringen. F\u00fcr europ\u00e4ische Kirchen, die sich in einer sich wandelnden Landschaft religi\u00f6ser Zugeh\u00f6rigkeit orientieren m\u00fcssen, sind Bells Beobachtungen Ermutigung und Herausforderung zugleich.<\/p>\n<p>Es gibt Raum f\u00fcr Sch\u00f6nheit, Stille, Feierlichkeit und \u00fcberlieferte Rituale. Doch es muss auch Raum geben f\u00fcr Bewegung, Lachen, Klage, ungewohnte Stimmen und die Kreativit\u00e4t der Menschen, von denen allzu oft erwartet wird, dass sie lediglich zuschauen.<\/p>\n<p>Letztlich l\u00e4sst sich die Frage nach einem bedeutsamen Gottesdienst nicht allein durch die Lekt\u00fcre liturgischer B\u00fccher beantworten. Man muss sie auch den Menschen stellen, die sich in der Kirche versammeln: ob sie verstehen, was geschieht, ob ihre Erfahrungen wahrgenommen werden und ob sie sich als Teil der Gottesdienstgemeinschaft erkennen.<\/p>\n<p>Bells \u00dcberlegungen weisen auf eine Liturgie hin, die nicht nur gewissenhaft vollzogen, sondern gro\u00dfz\u00fcgig miteinander geteilt wird \u2013 auf einen lebendigen Ausdruck des Glaubens, an dem die gesamte Gemeinschaft teilhaben darf.<\/p>\n<p>Dieser Artikel basiert auf einem Interview mit Pfarrer John L. Bell, das Pfarrer Sam T. Rajkumar (GEKE) am 2. November 2026 in Frankfurt am Main im Rahmen der Gottesdienstkonsultation der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) gef\u00fchrt hat. [Originalsprache: englisch]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.leuenberg.eu\/de\/frankfurt-2026\/#berichte\">Weitere Berichte und Materialien zur Gottesdienstkonsultation in Frankfurt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Bell \u00fcber Beteiligung am Gottesdienst, Gastfreundschaft an Lebenswenden und Impulse aus der weltweiten Kirche. Im Gespr\u00e4ch mit Sam T. 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