Unser Glaube unser Sieg?

Prälat Paul Dietrich, Heilbronn, 2. Mai 2004

 

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

1.Johannes 5,1-4

 

Dieser letzte Satz hat mich von meiner Jugend auf provoziert. Und je mehr ich mich selbst und meine Mitchristen mit kritischen Augen zu sehen anfing, desto unangenehmer hat er mich berührt. Als ich dann noch anfing Kirchengeschichte zu studieren – sie ist ja nun wirklich keine Ruhmesallee, denken Sie nur an das Dritte Reich! -, desto grimmiger kam ich mit diesem Wort in den Clinch. Mit dem Wort Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

„Nimm den Mund nicht so voll!“, hätte ich am liebsten manchem Pfarrer zugeraunt, der im Brustton sagt: „unser Glaube der Sieg, der die Welt überwunden hat!“ Wo denn? wie denn? Siehst du nicht, wie schwächlich dein und mein Glaube im Ernstfall ist? Wie kannst du so von unserem Glauben schwärmen? Das ist so peinlich, wie wenn einer von seiner Liebeskraft schwärmt. Ja, wenn er vierzehn ist, meinetwegen, aber doch nicht als Erwachsener. Oder wie wenn einer von seiner Moral schwärmt. Ich mag das nicht, wenn einer so prahlt.

...die Welt überwunden! Das schöne Wort Kosmos, das man ja auch mit wunderbare Ordnung übersetzen kann, über dem zu allen Zeiten Leute ins Schwärmen gerieten – ein Freund, Walter Bulander, wurde zum Begründer der comic art, er hat bis zu seinem Tod nur noch Galaxien und kosmische Gärten gemalt, ich wurde sein Interpret und Laudator – dieses schöne inspirierende Wort Kosmos, es hat bei Johannes einen ganz anderen Klang. Es klingt nach Unordnung, gordischer Knoten, Chaos, Sumpf, außen hui und innen pfui, diese Welt mit ihrer Anmaßung und ihren Blendwerken, nichts ist dahinter, alles nur Show. ‚Geld regiert die Welt’, die Regierenden sind nur geschobene Schachfiguren auf dem Schachbrett der Großbanken, man spricht von Werten, und meint Wertpapiere, der Götze Mammon regiert. „Freude, schöner Götterfunken“ und „alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“, eia, wärn wir da! Das ist Festtagsmusik. Im Alltag heißt es „wehe den Besiegten“, das alles meint Johannes mit dem Wort ‚diese Welt’.

Und nun kommt da ein Pfarrer mit seiner Spielzeugsiegestrompete und schmettert in diese fragwürdige, tückische Welt, deren Fürst nach Luther der Teufel ist, die Botschaft: „aber, pass auf, wir kriegen dich schon, unser Glaube ist der Sieg, der dich, Welt, überwunden hat!

Woher diese Unverfrorenheit? Muss ich diesem Festtagstrompeter nicht entgegenhalten, was im 11. Jahrhundert der englische Mönch Anselm von Canterbury seinem allzu leichtgeschürzten Gesprächspartner vorgehalten hat: nondum considerasti pondus peccati! zu Deutsch: Du hast dir noch nicht klar gemacht, welches Gewicht die Sünde hat! Du machst deine Rechnung ohne die wurmstichige Natur des gefallenen Menschen. Du Schwärmer.

Mit solchen Gedanken sah ich dieses Wort, durch Jahrzehnte. Bis ein Freund kam, der Superintendent aus Weimar, mit dem ich zwischen dem Grab Johann Gottfried Herders und der Zelle Paul Schneiders oben auf dem Ettersberg schon manches diskutiert habe. Wolfram Lässig, er hat mir mitten in diesen Satz hinein einen Doppelpunkt gesetzt: Unser Glaube ist: der Sieg, der die Welt überwunden hat. Oder, etwas freier übersetzt: Unser Glaube? der Sieg, der die Welt überwunden hat. Oder, noch deutlicher: Du willst wissen, woran wir glauben? Wir glauben daran, dass diese Welt besiegt ist. Durch Jesus Christus, der sich mit dieser Welt bis zum Äußersten eingelassen hat. Den diese verzweifelte, verstockte Welt verurteilt, verraten, zu Tode gekreuzigt hat, so dass ihn seine Freunde nur still und verzagt begraben konnten. Durch diesen zu Tode gebrachten, den Gott auferweckt hat, an dem Gott selbst das Unmögliche möglich und wahr gemacht hat. Durch ihn ist diese Welt mit all ihren Scheußlichkeiten, diese mondo cane, überwunden! Ich glaube an den auferstandenen Christus und dass er stärker ist als alles, was in dieser Welt mit seiner Stärke protzt. Ich glaube an die Macht der göttlichen Liebe, die das Grab gesprengt hat, die lebt und regiert in Ewigkeit, auch wenn die Kräfte des Destruktiven sich aufblähen, als hätten sie das letzte Wort. Ich glaube an die Kraft der Wahrheit, die niemand einsperren kann in ein Grab, damit sie dort vermodert. Sie ist auferstanden von den Toten, und sie macht uns frei von den Albträumen, die uns das Fürchten lehren wollen. Ich glaube an den auferstandenen Christus.

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren. Wer zu Jesus Christus Zutrauen fasst, durch den Gott selbst die Antwort gegeben hat auf die Erlösungssehnsucht der Juden – er ist der Maschiach, der Messias, auf den sie voll Sehnsucht durch Jahrhunderte gewartet haben – wer auf Jesus Christus vertraut, den Christus, auf den sich die Erlösungssehnsucht ungezählter Heidenvölker konzentriert, wer daran glaubt, an dem ist etwas so Elementares geschehen, dass wir es nur mit einer Neugeburt vergleichen können. Der ist von Gott geboren! als sein Kind. Der kann in seinem Tagebuch eine neue Seite aufschlagen und sie beginnen mit den Worten Incipit nova vita, es begann für mich ein neues Leben. Ich habe noch einmal sehen und denken und laufen gelernt. Auch das Arbeiten und Beten und das Wirken in dieser Welt fing für mich neu an. Ich sehe sie jetzt im Licht einer großen Hoffnung. Ich bin nun ein Anfänger geworden, weil Gott mir den Neuanfang gegeben hat. Diesem Anfang will ich treu bleiben auf der ganzen Linie. Zu diesem meinem Neuanfang will ich immer wieder zurückkehren, ich österliches Hoffnungskind. Ich will ein unverbesserlicher Anfänger, ein anfänglicher Hoffnungsmensch bleiben bis zur letzten Stunde meines Erdenlebens.

Wie ging es Ihnen gestern Nacht, als alle Sender des Fernsehens die großen Feuerwerke gezeigt haben, im Hintergrund die Nationalhymne der Deutschen für die höchsten politischen Feiertage, ‚Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten freudetrunken Göttlichste, dein Heilgtum’? Als die Tagesschausprecherin ihr optimistischstes Strahlen aufgelegt hat und alles auf Europa-Jubel programmiert war? Waren Sie auch hin und her gerissen zwischen der Ahnung der großen weltgeschichtlichen Stunde, Gott, es ist ein Wunder vor unseren Augen, nach einem 20.Jahrhundert zweier europäischer Weltkriege mit Strömen von Blut und Bergen von Leichen, nach Jahrzehnten des kalten Krieges und der gegenseitigen atomaren Bedrohung nun diese Szenen! Brüder, Schwestern, Polen, Deutsche, Tschechen, bin hinunter nach Malta. Und wir dürfen sagen, dass wir dabei gewesen sind, nun danket alle Gott! Haben Sie das auch empfunden? Oder haben das alles friedlich verschlafen nach dem Motto "Wer schläft, irrt nie"?

Oder plagte Sie vor diesen Bildern das dumme Gefühl: Ihr wisst ja leider nicht, was das viele Leute kosten wird. Uns, aber noch mehr wohl die Menschen, die in keiner Weise Schritt halten können in unseren Konkurrenzsystemen. Werden die Leute, die jetzt jubeln, dann bereit sein, die Zeche zu bezahlen. „Der Friede ist unbezahlbar“, sagte gestern Evenlyne Gebhardt vor dem Gewerkschaftshaus. Ich entnahm diesem Sätzchen, dass sie auch darüber nachdenkt, wie teuer dieser europäische Friede unter Umständen sein kann und wer ihn bezahlen muss. Der ‚güldne, werte, edle Fried in unserem Vaterland’, den Paul Gerhardt besingt. Wenn das Feuerwerk abgebrannt ist – Feuerwerke brennen nicht lang - wird es dann wie in Schillers Wallenstein heißen „Vor Tische las man’s anders“? Wird eine neue, große, geschwisterliche Solidarität die Europäer zusammenschweißen, so dass sie eines Tages sagen können „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen noch Gefahr, wir wollen trauen auf den höchsten Gott...“. Das ja nun eben nicht. Jedenfalls nicht so öffentlich und nicht so gemeinsam. Das Wort Gott in der Präambel des europäischen Grundgesetzes hat politisch keine Chance. Und schon um den Begriff ‚religiös-ethische Grundlagen des Abendlandes’ veranstalten viele Politiker einen Eiertanz; die Franzosen haben das Wort religieux kurzerhand durch das Wort ‚spirituel’ übersetzt, als wollten sie dieses göttliche Gegenüber ein für allemal ausblenden.

Und doch sagt Jacques Delors, es gehe darum, dass wir „Europa eine Seele geben“. Nicht wenige Bischöfe sagen es ihm in diesen Tagen brav nach. ‚Europa eine Seele geben’. Wer? Wir? Eine Seele geben? Sollen wir Menschlein tun, was Gott der Schöpfer dem Adam tat mit seinem Odem? Können wir das?

Wenn wir das Geschehen dieser Tage nur analysieren, so könnte die Skepsis überwiegen. Ich denke an ein Gespräch mit Günther Verheugen in Brüssel, dem Architekten der Osterweiterung, vor drei Jahren; aus seinen Worten klang viel Sorge um die Völker, die noch längst nicht so weit seien. Es muss erlaubt sein, zu dieser Sorge auch noch am 2. Mai 2004 zu stehen. Aber dieses zerbrechliche Europa ist ein nachösterliches Europa. Ich vertraue für dieses erweiterte und so vielfach gefährdete Europa. Worauf stützt sich mein Glaube? Auf den Sieg, der diese Welt überwunden hat. Auf den auferstandenen Christus.

Vor zehn Jahren zeigte mir in der hoch verstrahlten Zone nördlich Tschernobyl ein weißrussischer Priester, Vater Michail, die Fahne seines Landes, das jetzt nicht oder noch nicht in die Europäische Union aufgenommen wurde: Belorussland. In Slawgorod standen wir bei einander, einem Ort, der 50 mal höher Cäsium-verstrahlt ist, als die WHO des für zulässig erklärt hat. Auf der Fahne Belorusslands zeigte er mir den breiten roten Streifen auf weißem Grund. Michail sagte mir seine ganz persönliche Deutung: Weißt du, der rote Streifen ist das Blut Christi. Christus hat mit uns und für uns gelitten alle die Jahrzehnte, unter Stalin, unter Hitler, und jetzt nach Tschernobyl. Und das Weiß, das ist Ostern. Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Wir leben hier in diesem unserem verstrahlten Slawgorod in der Gegenwart des auferstandenen Christus. Wir sind nicht verlassen. Ich bin voller Hoffnung!

Er hat sein geliebtes Belorussland damit nicht religiös verklärt. Aber er hat mir durch diese sehr subjektive Deutung gesagt, woher er seine helle Hoffnung hat.

Wenn ich den europäischen Sternenkranz sehe, denke ich an ein Bild, das den Designern Europas wohl fast unbekannt sein wird. Ich denke an den Christus, wie ihn uns der Seher Johannes vor Augen malt. Er sitzt auf dem Thron und hält in seiner Hand die sieben Sterne. Ich werde mich hüten, Europa religiös zu verklären. Wer die Stars and stripes seiner Nation oder seines Nationenbundes religiös verklärt, der führt in leidvolle Sackgassen. Aber wer an den glaubt, der die Sterne in seiner Hand hält, der darf auch für Europa hoffen zu dem, der allein Europa eine Seele geben kann.

Es wird für uns Christen in Europa freilich drauf ankommen, dass wir uns zu diesem Christus rückhaltlos bekennen, nicht im Winkel, sondern vor den Augen und Ohren Europas. Oder schlicht vor den deutschen, polnischen, tschechischen, französischen, italienischen Menschen, Christen und Nichtchristen, Nahen und Fernen, die uns Gott über den Weg schickt.

Wie bekennen wir uns angemessen zu Jesus Christus? Indem wir vor allem anderen die Menschen lieben, die Gottes Geist geboren hat. Wir lieben den unsichtbaren Gott, indem wir seine Kinder lieben. Die katholischen Christen, die im neuen Europa über 45 % ausmachen, trotz der Stiche aus Rom, die wir nun schon alle Jahre wieder bekommen und die uns treffen. Katholische Mitchristen lieben. Fangen wir bei dem katholischen Menschen an, der uns am nächsten ist. Die orthodoxen Christen mit ihren etwa 12 % der europäischen Bevölkerung. Fangen wir mit dem Menschen aus Griechenland oder aus Serbien an, den wir kennen. Die lutherischen oder reformierten Christen, die etwa 19 % im neuen Europa ausmachen. Angefangen bei dem Evangelischen, der so ganz anders evangelisch ist als Sie oder ich, viel liberaler oder viel fundamentalistischer, so dass wir im Stillen den Kopf schütteln. Die Menschen lieben, die Gott geboren hat.

Das wird uns dann auch dazu stärken und wir werden einander stärken, dass wir auch die Menschen lieben können, denen der Glaube an Jesus Christus noch fern ist. Die Muslime, die im neuen Europa etwa 10 % ausmachen werden. Fangen wir an mit der muslimischen Schwiegertochter. Oder mit dem Türken im Haus. Oder den Konfessionslosen, der denkt: Geh mir weg mit jeder Religion. Auch für ihn setzt Jesus sein Leben ein. Es soll nicht umsonst sein.

Wie bekennen wir uns in Europa, in Deutschland, in Heilbronn, in unserer eigenen Familie angemessen zu Jesus Christus? Indem wir seine Gebote halten: Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten! Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren! Du sollst den Feiertag heiligen! Europa braucht Menschen, die sich an die zehn Gebote halten aus Glauben an Gott und aus Liebe zu dem Gott, der selbst die Liebe ist. Je mehr von ihnen in Europa leben, desto eher wird Europa tatsächlich eine Art Wertegemeinschaft. Christus unterhält in Europa seine Glaubensgemeinschaft, damit aus Europa eine Wertegemeinschaft wird.

„...und seine Gebote sind nicht schwer“, schreibt hier der alte Johannes, für den Gott die Liebe ist und der so unnachahmlich schlicht und schön an die Liebe erinnern konnte. „...nicht schwer“? Ich weiß noch, wie mein Vater mir gesagt hat: Kein Mensch kann die zehn Gebote halten. In jeder Stunde sündigen wir gegen jedes Gebot. Eigentlich sind uns die zehn Gebote nur dazu gegeben, damit wir an ihnen unsere Sünde erkennen.

Wie anders hier Johannes: „...seine Gebote sind nicht schwer“! Das kann nur einer sagen, der wiedergeboren ist aus Gottes Geist zur Leichtigkeit des Seins. Die Gebote Gottes? Kein drohendes Muss. Viel weniger Gebote, als Angebote: Du, das will der Geist Gottes in dir und durch dich wirken. Lass es zu. Lass ihn wirken. Du siehst nur Widerstände? in dir und um dich her? Was soll’s? Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in dein Herz. Vergiss es nicht. Trau ihr, lass sie wirken!

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