Let Europe arise! Laßt Euch versöhnen!

Dr. Hans Jürgen Luibl, 02.05.2004

 

„Let Europe Arise!“ (Sir Winston Churchill)

„Lasst Euch versöhnen!“ (Apostel Paulus)

 

Friedensgruß

 

„Let Europe Arise!“ – mit diesem Aufruf endete die Rede von Sir Winston Churchill, die er 1946 in der Aula der Universität Zürich hielt. „Let Europe Arise!“ – das war mehr als nur der Schlusssatz einer großen Rede. Es war der mutige Schlussstrich unter die Jahrhunderte alte leidvolle Geschichte nationaler Kriege in Europa, ein Schlussstrich unter fast 30 Jahre Krieg, der von Deutschland ausgehend Europa verwüstete und die Welt in Mitleidenschaft zog. „Let Europe Arise!“ – das war aber nicht nur Schlussstrich, sondern zugleich Anfang, mutiger Anfang für eine neue Epoche Europas. Friede sollte herrschen in Europa, Friede zwischen den Erzfeinden Frankreich und Deutschland, zwischen den Nationen Europas. Und dieser Friede sollte Teil des Weltfriedens werden.

Nicht alle glaubten damals daran, dass dies wirklich werden könnte. Zu tief schienen die Wunden, die der Krieg hinterlassen hatte; zu tief die Gräben, die über Jahrhunderte hinweg die Völker trennten. Nun also Friede für alle? Manche glaubten trotzdem daran – und sie setzten ihren Glauben in die politische Tat um. Schon wenige Jahre nach der Rede Churchills wurde – als erste Hoffnungszeichen einer neuen Zeit – der Europarat gegründet, dann wurde der Europäische Menschengerichtshof eröffnet. Das Miteinander in Europa sollte auf Recht gegründet sein. Das war und ist wichtig, doch fehlte noch etwas Entscheidendes: die politische Verbindlichkeit, das Ja zu neuen Strukturen, zu einer neuen Ordnung Europas, der die einzelnen Nationen und ihre Interessen sich nicht länger im Alleingang entziehen konnten. Und dieser Durchbruch ist mit dem Namen des französischen Außenministers Robert Schumann und dem nach ihm so genannten Schumannplan verbunden. Ziemlich unspektakulär wurde dieser Plan, ein kurzer, eher spröder Text, am 9. Mai 1950 veröffentlicht. Und auf den ersten Blick unspektakulär war auch, was in diesem Plan sich fand: „Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organisation, die den anderen europäischen Ländern zum Betritt offen steht. ... dadurch wird dieser Vorschlag den ersten Grundstein einer europäischen Föderation bilden, die zur Bewahrung des Friedens unerlässlich ist.“ Im Prinzip war es nichts anderes als die zum Krieg tauglichen, aber zum Frieden notwendigen Grundelemente, Kohle und Stahl (bald kam auch das Atom dazu), die Schlüsselindustrien sozusagen, dem nationalen Einfluss, in erster Linie Frankreichs und Deutschlands zu entziehen und einer multinationalen Hohen Behörde zu unterstellen. Damit war im Prinzip, wenn auch noch lange nicht in Wirklichkeit, die Jahrhunderte alte Triebfeder Europas, der nationale Egoismus bis hin zum Nationalismus, gebrochen. Und damit begann die Erfolgsstory der Europäischen Integration, der sich im Laufe der Zeit immer mehr Staaten anschlossen – wobei Erfolg immer auch Rückschläge bedeutet und seine Schattenseiten hatte und hat. Zum 1. Mai 2004 hat sich die Gemeinschaft nochmals um 10 neue Staaten auf 25 erhöht. Damit wird die vorläufig letzte große Grenze in Europa, die zwischen Ost und West überwunden.

Schön und gut, wird man hier einwenden, dass es so ist, wie es gekommen ist. Aber was hat die Integration Europas mit Kirch und Glaube zu tun? Was hat der 1. Mai, der Tag der EU-Erweiterung, mit dem Sonntagsgottesdienst am 2. Mai zu schaffen? Europa ist ein „weltlich´ Ding“, gehört in den gesellschaftspolitischen Bereich und nicht das Reich Gottes. Genau! Und das soll Europa auch bleiben: ein weltlich Ding, eine säkulare politische Größe. Jede religiöse Überhöhung ist strikt abzulehnen. Kirchen dürfen nicht wieder, wie so oft in der Geschichte der europäischen Nationalstaaten, die staatliche Macht heiligen. Europas Integration mag ein Segen sein für viele, deswegen darf man noch lange nicht Europas Institutionen segnen. Aber etwas anderes kann und darf Kirche: dankbar sein. Dankbar sein für die lange Friedenszeit, dankbar für die Aussöhnung der Völker, für die neue, grenzüberschreitende Gemeinschaft von Menschen verschiedener Sprache, Kultur, Tradition. Damit tut Kirche, was ihres Amtes ist: Gott danken. Und gleichzeitig auch: Gott bitten, dass in Zukunft gelingen möge, was in der Vergangenheit verheißungsvoll begonnen hat. „Bist Du Dir sicher,“ hat ein Freund mich gefragt, „bist du dir wirklich sicher, dass die Erweiterung der EU gelingt, dass das, was bisher gewonnen wurde, nicht durch eine Vergrößerung wieder in Frage gestellt ist.“ Nein, sicher bin ich mir nicht, und damit stehe ich nicht alleine. Die Verunsicherung wächst, auch die Ängste wachsen. Polens Bauern haben Angst, dass westliche Großunternehmen ihre Infrastruktur zerstören können – und mit dieser Infrastruktur alte, bergende Traditionen. Arbeitslose in Deutschland haben Sorge, dass durch „Billigarbeiter“ aus den neuen, östlichen EU-Staaten ihre Chancen auf Arbeit noch kleiner werden. Mittlere Firmen an der Grenze zu Tschechien haben Sorge, ob sie noch konkurrenzfähig sind nach Öffnung der Grenzen. Und alle, ob alte oder neue EU-Mitglieder haben Angst, dass die großen Wirtschaftsbetriebe, die global player, die Grenzen der EU gleich überspringen und jenseits davon in kostengünstigere Standorte investieren und somit billiger produzieren können. Kaum eine Podiumsdiskussion dieser Tage, kaum eine Zeitungsmeldung, in der nicht auch diese Ängste zur Sprache kommen. Wer kümmert sich darum? Warum nicht die Kirche: die Ängste, die da sind, auch beim Namen zu nennen, aus ihnen Bitten zu machen und diese vor Gott zu bringen. Ist das nicht Aufgabe von Kirche? „Macht Gebete aus meinen Geschichten“ hat Eli Wiesel im Blick auf seine Lebensgeschichte und die Leidensgeschichte seiner Zeitgenossen einmal formuliert. Machen wir Gebete aus dem, was Menschen heute bewegt, was sie umtreibt. Das täte allen gut, käme allen zu gut. Macht Gebete, Dankgebete, Bittgebete, aus den Lebensgeschichten und der Zeitgeschichte - um dem Teufel auf die Schliche und Gott auf die Spur zu kommen. Das ist unser Amt, unsere Aufgabe.

Gott auf die Spur kommen – dabei kann man auch entdecken, was sonst leicht übersehen wird, was am Rande der großen Geschichte liegen geblieben ist. Das gilt auch für die Geschichte Europas in den letzten 50 Jahren. Die große Geschichtsschreibung erinnert an die großen Namen wie Robert Schumann oder Konrad Adenauer. Sie erinnert an die großen Schritte zur Integration Europas: die Römischen Verträge, der Vertrag von Maastricht, der von Nizza. Sie ruft die einzelnen Stationen der Erweiterung in Erinnerung: aus kleinen Anfängen mit nur wenigen Mitgliedern über mühselige Jahre großer Euroskepsis bis hin zum Europa der 25. Viel seltener bedacht und manchmal verschämt versteckt wird die Erinnerung daran, dass und wie christlicher Glaube darin eingebunden war, wie motivierend gewirkt hat. Die Großen der europäischen Bewegung hatten politische Ziele, aber mehr noch. Da waren auch Hoffnungen, die weit über die Politik hinaus gingen, weil sie tiefer wurzelten als im politischen Alltagsgeschäft: vom christlichen Glauben geprägte Hoffnungen. Politiker aus dieser Tradition, meist aus der römisch-katholischen geprägten Kirchlichkeit, träumten nicht den Traum eines christlichen Abendlandes. Sie waren Realpolitiker, die das, was europäische Realität war an den Maßstäben und Vorgaben der christlichen Tradition politisch zu messen gelernt hatten und sie verbinden konnten mit Grunderfahrungen europäischer Geschichte. So ist es z.B. nicht ohne Logik, dass es in der katholischen Kirche derzeit Pläne existieren, den Gründungsvater der Europäischen Union, Robert Schumann selig zu sprechen. Das ist, europäische Erinnerungskultur, römisch-katholischer Prägung. Schon relativ früh gab es auch in Straßburg, dem Zentrum des institutionalisierten Europa, einen Kreis von Politikern, die nicht christliche Politik oder kirchliche Lobbyarbeit betreiben wollten, sondern Europa-Politik mit ihrem Verständnis von Glauben verknüpfen wollten. Zu erwähnen ist etwa die Arbeitsgemeinschaft „Christliche Verantwortung für europäische Zusammenarbeit“, zu der damals der europaweit noch wenig bekannte Rechtsanwalt und Präses der EKD-Synode Gustav Heinemann gehörte. In Straßburg entstand auch die im Rückblick sogenannte EECCS („European Ecumenical commission for Church and Society“), die europäisch-ökumenische Kommission für Kirche und Gesellschaft. Und aus dieser und eher kleinen Anfängen wurde die „KKG“, die Kommission für Kirche Gesellschaft. Sie ist mittlerweile eine der wichtigsten Abteilungen der in den 60-er Jahren gegründeten KEK, der Konferenz europäischer Kirchen. Erst spät, manche sagen zu spät, haben die offiziellen Kirchen Europa entdeckt. Aber, das muss in evangelischer Perspektive festgehalten werden, das politische Amt für Europa war bei christlichen Laien gut aufgehoben.

Noch wichtiger und für die Integration Europas unabdingbar, aber war und ist etwas anders. Churchill bezeichnete in seiner Rede 1946 die Aussöhnung von Frankreich und Deutschland als Kern der europäischen Integration. Aussöhnung aber ist mehr und erfordert mehr als politisches Tun, greift tiefer als politischer Wille es vermag. Aussöhnung ist ohne Versöhnung nicht möglich. Und davon lebt der Mensch, von diesem Wort der Versöhnung, wie es im ersten Korintherbrief Kapitel 5, Vers 19 heißt. Und – so kann man weiter lesen: „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen.“ (Vers 20). Dieses Wort der Versöhnung weiterzugeben, ist unsere Aufgabe. Was hier so theologisch und allgemein klingt, das hat seine Wirkung entwickelt im Prozess der europäischen Integration. So war es etwa der deutsch-französische Bruderrat, die schon sehr früh, seit 1950 für Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland eintrat. Kontakte der Kirchen zwischen Frankreich und Deutschland wurden auch zur Voraussetzung vieler Städtepartnerschaften. „Die Schlussfolgerung ist sicher zulässig, dass die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich unter tatkräftiger Mitwirkung der Protestanten in beiden Ländern zustande gekommen ist,“ so Oberkirchenrat Gottfried Müller aus der Kirche der Pfalz. Bruderräte, neben dem deutsch-französischen etwa auch der deutsch-britische oder deutsch-holländischen oder der nordischen Konvent, belebten kirchliche Verständigungs- und Versöhnungsarbeit zum besseren Miteinander der Völker und Staaten bei. Auch in den Zeiten des Kalten Krieges waren es Kontakte zwischen Gemeinden diesseits und jenseits des Eiseren Vorhangs, die dazu halfen, Blockdenken zu überwinden, christliche Gemeinschaft über ideologische Grenzen hinweg zu leben und die Idee eines gemeinsam zu verantwortenden Europas wach zu halten. Besonders die evangelischen Kirchen der Niederlande haben sich hier große Verdienste erworben. Aber auch die bayerische Landeskirche hat ihren Beitrag geleistet. Unter der Leitung des mittlerweile verstorbenen Bischofs Johannes Hanselmann konstituierte sich in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts die Regionalgruppe Süd-Osteuropa der Leuenberger Kirchengemeinschaft. Man traf sich auf neutralem Boden, in Österreich, lange Zeit unter erschwerten Bedingungen - und schaffte doch, wovon die die Leuenberger Kirchengemeinschaft getragen war: Einheit in versöhnter Verschiedenheit über die Grenzen der Konfessionen, Nationen und Blöcke hinweg lebendig zu gestalten. „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ – das ist damit nicht nur ein Leitmotiv des europäischen Protestantismus. Es könnte auch ein Schlüssel für Europas Zukunft sein.

„Lasst Euch versöhnen!“ - dieser Aufruf des Apostel Paulus ist auch heute Angebot und Auftrag für die Kirchen in Europa. Mit der Erweiterung der Idee fallen zwar rechtlich und politisch viele Schranken und Grenzen. Aber damit ist die oftmals belastete und belastende Vergangenheit zwischen den Völkern nicht einfach ausgewischt. Gerade die sensible Beziehung zwischen Deutschland und Tschechien zeigt, wie viel an Versöhnungsarbeit noch notwendig ist. Und zu den alten Grenzen, die oftmals wie kaum vernarbte Wunden Europa durchziehen, werden neue kommen: Grenzen zwischen reichen und armen Regionen, zwischen Mehrheiten und Minderheiten in einem Land und in der EU, zwischen denen, die zur EU gehören und solchen, die draußen oder noch draußen vor der Tür stehen wie Rumänien, Bulgarien oder die Türkei. Gerade das Verhältnis zur Türkei ist eines, das nicht einfach durch rechtliche Regelungen ins Lot gebracht werden kann. Dazu braucht es intensive Versöhnungsarbeit, die nicht an den Grenzen der eigenen Religion Halt macht. Aber sie muss in der eigenen Kirche anfangen. Worte, wie die eines lutherischen Bischofs aus Polen, zeigen an, wie viel hier noch zu tun ist: „Wir möchten nicht den Weg des Westens gehen, der dazu führt, dass man mehr Moscheen als Kirchen hat.“

Es ist noch viel zu tun für Christinnen und Christen im Rahmen der europäischen Integration. Und manchen hätten sich deshalb gewünscht, dass die Verfassung der EU klar mit einem Bekenntnis zu Gott beginnt, etwa mit einer Präambel „Im Namen Gottes des Allmächtigen“. Ich halte dafür, dass eine solche Präambel nicht notwendig ist. Denn Europa ist eben ein weltlich Ding und als säkulare Institution auf Recht und nicht auf Bekenntnis gebaut. Die Anrufung Gottes, das ist nicht Sache eines Rechtsverbandes, sondern Aufgabe einzig der Kirchen und Religionen. Das ist unsere Aufgabe. Die Christlichkeit Europas wird auch nicht mit der Präambel gesichert, sondern muss durch viele einzelnen Entscheidungen hindurch hart erkämpft werden. Ob Europa eines Tages das Prädikat christlich erhält, das liegt nicht einer zivil-religiösen Präambel, sondern daran, wie es mit der Wahrung der Würde des Menschen in der Biopolitik, den Menschenrechten in den Migrationsfragen und der Solidarität in der Sozialgesetzgebung, dem Friedenswillen in der Außenpolitik oder der Sozialbindung in der Marktwirtschaft aussieht. Gottes Gerechtigkeit und Liebe wird nicht in der Präambel einer Verfassung, sondern im Umgang mit Menschen verteidigt. Hier haben die Kirche ihre Aufgaben und ihr Mitspracherecht. Dieses kommt ihnen zu durch das Evangelium auf der einen Seite und durch die EU-Verfassung auf der anderen Seiten. Diese sieht im Entwurf ein Mitspracherecht für Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften im Rahmen eines demokratischen Diskurses vorsieht. Und hier hat die Kirche auch Möglichkeiten genug, einzubringen, was Europa zu vergessen droht. Man muss Europa nicht christlich taufen, es genügt, Europa an seine eigene, geschichtlich gewachsene Identität zu erinnern. Dazu gehört die Vision und die Verpflichtung, dass Europa kein Selbstzweck ist, sondern dem Wohl der ganzen Menschheit, gerade den ärmsten Staaten weltweit verpflichtet ist. Es liegt auch an den Kirchen, ob Menschen etwas davon spüren, dass Gott zum Guten in dieser Welt anwesend ist. Wenn dabei die evangelischen Kirchen sich selber verändern, aus ihrem provinziellen Denken, ihren nationalen und konfessionellen Burgen herauskommen und damit die Reformation im Europa des 16. Jahrhunderts 500 Jahre später weiter entwickelten, wäre das kein Schade, weder für die Kirchen noch für Europa.

„Es ist unsere Hoffnung, dass auch in dem politischen Projekt eines säkularisierten Europa, in den Geschichten des Aufbruchs und des Gelingens wie in den unverschuldeten und selbstverschuldeten Katastrophen Gott gegen allen Augenschein anwesend ist, die Erwartungen der Menschen trägt und diese nach seinem Willen leitet.“ (Aus dem Schlussteil der Studie „Kirche, Volk, Staat und Nation“ der Südosteuropagruppe der Leuenberger Kirchengemeinschaft, jetzt: Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa).

Amen.

 

Liturgischer Hinweis:

Bukowski et. al. (Hg), «Wir freuen uns über die Vielfalt der Kirchen...“ Gebete und Texte zum gottesdienstlichen Erinnern und Feiern der Leuenberger Kirchengemeinschaft – Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa, Wuppertal 2002, Bestellung über: office@leuenberg.eu

Pfarrer Dr. Hans Jürgen Luibl
Leiter der Stadtakademie Erlangen, Europabeauftragter der „Gemeinschaft der evangelischen Kirchen in Europa – Leuenberger Kirchengemeinschaft)

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