'Wir dürfen die Armut innerhalb und ausserhalb Europas nicht gegeneinander ausspielen.'

GEKE – Interview mit Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann, Beauftragter der GEKE für ethische Fragen, zur Eröffnung des Europäischen Jahrs 2010 zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung.

GEKE: Was möchte die EU mit dem Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung erreichen?
Heidtmann: Das Europäische Jahr 2010 ist eine öffentliche Kampagne, die die Menschen in Europa motivieren will, sich aktiv gegen Armut und soziale Ausgrenzung einzusetzen. Gleichzeitig bildet das Europäische Jahr einen Aktionsschwerpunkt für die europäischen Institutionen und die Mitgliedstaaten der EU. Diese haben sich für das Jahr 2010 vier Ziele gesetzt: 1. Die Verwirklichung des Grundrechts der in Armut und sozialer Ausgrenzung lebenden Menschen auf ein Leben in Würde und die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. 2. Die Stärkung der Akzeptanz der Politik der sozialen Eingliederung durch die Menschen. 3. Die Förderung eines stärkeren Zusammenhalts in der Gesellschaft. 4. Eine Erneuerung des Engagements der EU und ihrer Mitgliedsstaaten für den Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung und die Einbindung aller Entscheidungsebenen.

GEKE: Welche besonderen Ereignisse werden stattfinden?
Heidtmann: Das Europäische Jahr 2010 zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung wird am 21. Januar mit einer Tagung in Madrid eröffnet. Danach wird es im Mai und im Oktober zwei Schwerpunktwochen geben, in denen eine Vielzahl von Veranstaltungen geplant sind. Ausserdem gibt es auf nationaler Ebene jeweils thematische Schwerpunkte. Die genauen Termine findet man auf der Website des Europäischen Jahres (www.2010againstpoverty.eu).

GEKE: Sie werden für die Kirchen an der Eröffnungskonferenz in Madrid teilnehmen. Was erwarten Sie von diesem Jahr?
Heidtmann: Dieses Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem die sozialen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise immer mehr Menschen treffen. Ich erwarte, dass die europäischen Institutionen und die Mitgliedstaaten der EU in dieser Situation eine gemeinsame Politik entwickeln, die einen spürbaren Beitrag zur Bekämpfung der Armut leistet. Ich erwarte, dass sich die reicheren Länder in Europa in sehr sichtbarer Weise mit den ärmeren Ländern solidarisch zeigen. Es hätte für viele Menschen katastrophale Folgen, wenn sich die einzelnen europäischen Länder gegeneinander ausspielen lassen.

GEKE: Warum sollten sich die Kirchen an solchen politischen Prozessen beteiligen?
Heidtmann: Freiheit und Verantwortung so miteinander zu verbinden, dass alle Menschen gut miteinander leben können, ist ein klassisches Anliegen protestantischer Ethik. Wir würden doch das Evangelium verleugnen, wenn wir uns als Kirchen nicht mehr für die Armen und sozial Ausgeschlossenen einsetzen. Die Kirchen und ihre diakonischen Einrichtungen sind ja nicht zufällig bis heute die grössten Anbieter sozialer Dienstleistungen in Europa, das ist ein Teil des Auftrags der Kirche. Zu diesem Auftrag gehört sicher auch, sich für politische Rahmenbedingungen einzusetzen, in denen Armut und soziale Ausgrenzung überwunden werden können.

GEKE: Welchen Beitrag leisten die Kirchen in diesem Jahr?
Heidtmann: Mit der Kommission Kirche und Gesellschaft der Konferenz Europäischer Kirchen, in der ich die GEKE vertrete, haben wir ein umfangreiches Aktionsprogramm für das Armutsjahr entwickelt. Das Motto der Aktivitäten ist „Armut verletzt Deine Seele“. Ausserdem haben sich die europäischen Kirchen in diesem Jahr vorgenommen, sich besonders für die Migranten in Europa einzusetzen. Wir wollen während des europäischen Armutsjahrs darauf aufmerksam machen, dass Armut viele Dimensionen hat. Es geht nicht nur um wirtschaftliche Not, sondern auch um die Teilhabe in der Gesellschaft, um den Anspruch, für seine Arbeit ein Gehalt zu erhalten, von dem man auch leben kann, um die soziale Ausgrenzung von Minderheiten und nicht zuletzt um die spirituelle Armut in der Gesellschaft. Die besten Wirtschafts- und Sozialprogramme helfen nicht, wenn es uns nicht gelingt, das Gefühl der Verantwortung für andere in unseren Gesellschaften neu zu stärken. Im Englischen gibt es dafür ein schönes Wortspiel: Statt „shareholder’s value“ brauchen wir „careholder’s value“, das heisst, statt der individuellen Gewinnsucht brauchen wir eine Gesellschaft, die sich für das Wohl aller verantwortlich fühlt.

GEKE: Geht es beim Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung nur um die Armut in Europa?
Heidtmann: In der Tat liegt der Schwerpunkt des Jahres auf der Armut in Europa. Europa ist ein reicher Kontinent, aber dabei wird oft übersehen, dass allein in der EU 79 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. Jedes fünfte Kind in Europa ist von Armut bedroht. Wir dürfen die Armut innerhalb und ausserhalb Europas aber nicht gegeneinander ausspielen. Wir haben in Europa eine Reihe von Ländern, die mit Hilfe einer nachhaltigen Wirtschafts- und Sozialpolitik Armut weitgehend beseitigt haben. Das muss auch das Modell für die Rolle Europas in der Welt sein. Die Kirchen erwarten von der EU, dass sie die Verpflichtungen, die sie in den Milleniumszielen der EU eingegangen sind, nämlich die drastische Reduzierung der weltweiten Armut bis zum Jahr 2015, auch umsetzen.

***
Zur Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) – Leuenberger Kirchengemeinschaft haben sich 105 protestantische Kirchen in Europa (und in Südamerika) zusammen geschlossen. Lutherische, reformierte, unierte, methodistische und vorreformatorische Kirchen gewähren einander durch ihre Zustimmung zur Leuenberger Konkordie von 1973 Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Die Anschrift lautet: GEKE-Geschäftsstelle, Severin-Schreiber-Gasse 3, A-1180 Wien, Tel.: +43.1.4791523.900, Telefax: +43.1.4791523.580, Email: office@leuenberg.eu, Internet: www.leuenberg.eu. Pressekontakt: Dipl. theol. Thomas Flügge (Bern), Tel. +41.31.37025.02, Fax .80, Mobil: +41.79.6401902, Email: t.fluegge@leuenberg.eu.

20.01.2010 Thomas Flügge/Dieter Heidtmann

Interview downloaden

 

Nach Oben - Impressum - E-Mail